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Ernst Zahn:
Helden des Alltags
Ernst Zahn, gefroren am 24. Januar 1867; lebt ein Gesehenen.
Der Vater Zahns war Schweizer Hotelier, und der Sohn wurde es auch und ist es geblieben bis zum heutigen Tag. Aber neben dieser nahrhaften Karriere lief noch eine andere, die sich nicht weniger erfolgreich gestaltet hat. Und das ging so zu. Zu Siders im Kanton ^»Vallis. wohin der Vater 1873 Ton Zürich ühergesiedelt war, erhielt der Knabe ersten Schulunterricht. Zwei Jahre später gelangte er zu den Großeltern nach Zürich zurück und in die dortigen, vorzüglich geleiteten Stadtschulen. Inzwischen hatte Vater Zahn die große Bahnhofsrestauration zu Goschenen am Eingang des Gotthardtunnels übernommen, und so ward es wünschenswert, daß der Filius die kaum begonnenen humanistischen Studien bei Seite legt, um die junge Kraft dem väterlichen Unternehmen zu widmen. Zwar konnte er ein Jahr lang noch eine sehr gerühmte humanistische Anstalt in Grencheo besuchen, aber dann erlernte Zahn das väterliche Gewerbe von der Picke auf. Den Winter 1885 verbringt der praktische Eleve als Pikkolo im Hotel„Beaurivage in Genf; im Jahre^darauf erlernt er das Englische zu Hastings. 1887 macht Zahn als Hotelsekretär in Genua italienische Sprachstudien und tritt im nächsten Jahre wohl vorbereitet in das väterliche Geschäft ein, das er nun schon seit Jahrzehnten weiterführt. Dem tüchtigen Kaufmann, der mit gutem Blick die Entwicklungsmöglichkeiten der geographisch bevorzugten Gemeinde Gesehenen erfaßte, eröffnet« sich im Kommunaldienst ein neues Wirkungsfeld. Der Gemeinderat Zahn brachte es im Lauf der Jahre zum urnerischea
Kriminalrichter, 1908 zum Landratspräsidenten von Uri und im Jahre darauf zum Ehrendoktor der Genfer Universität. Ein distinguierter Fremder, der Herrn Zahn einmal sexneHoch* achtung bezeugte, indem er das ausgezeichnete Hotel von Goschenen lobte, das sich gewiß wohl auch als ein glänzendes Geschäft erweise, soll vom also apostrophierten Autor mit einem Blick auf die neben dem Hotel in Goschenen erstandene Dichtervilla als auf ein womöglich noch lukrativeres Unternehmen verwiesen worden sein. Addiert man die Auflagenziffern der Zahn« sehen Bücher, so mag man dem vielseitig tätigen Manne gerne aueh hier den praktischen Erfolg zubilligen. Begonnen hat Ernst Zahn 1893 mit einem Bändchen „Herzenskämpfe**. Dann ward die schweizerische Note bewußter betont in „Bergvolk** (1896), „Neue Bergnovellen* 4 (1898), „Firnwind** (1906), in dem Roman aus dem 15. Jahrhundert „Erai Behaim** (1898), Den stärksten Publikumserfolg erzielte Ernst Zahn 1907 mit dem Roman „Lukas Hochstraßen Haus**. Von anderen Büchern seien erwähnt die Romane „Die Clari - Marie** (1905) und „Einsamkeit** (1910), das Novellenbuch „Helden des Alltags** (1906), die Erzählungen „Verena Stadler** (1906), „Die da kommen und gehen** (1909). In diesem letzten Jahre begannen mit einer ersten Serie von zehn Bänden die „Gesammelten Werke** zu erscheinen. Sie gehen einen Überblick über die tüchtige und weitausgreifende Lebens- lcistung eines am Alltag erstarkten Erzählertalentes, welches, getragen von der Sehnsucht nach Befreiung durch Poesie über die Melancholien eines erdgebundenen Realismus hinaus den Aufstieg zu sonnigen Höhen sucht. R. B.
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Mplen ist das letzte Dorf an der Bergstraße, die im Zickzack bis unter den ewigen Schnee hinaufllettert, zwischen zwei Gletschern sich hrn- ourchdrängt und m ein andres Hochtal hinunterleitet. Das Dorf besteht aus zwei Häuserreihen. eine diesseit, eine jenseit der Straße. Die Häuser haben grauverputzte Mauern oder wetterduntle Holzwände, die dazwischenstehenden Ställe zeigen nur die kaum behauenen, ungefügen Granitblöcke, zu Wänden geschichtet und mit schlechtem Mörtel notdürftig verbunden. Gaden. Häuser und Kirche haben aber eins gemeinsam: die schwarzen faulenden Schindeldächer und die weißen schimmernden Micke darin. Die Micke sind das einzige neue an dem alten Dorf, vergehen immer wieder im Wetter und Sturm wie der Schnee und tauchen da und dort wieder auf, wo eben just ein Bauer die schlimmsten Stellen im Dach gefunden und geheilt hat.
Das Hochtal ist öde und baumlos. Im Sommer deckt weiche grüne Alpe ein haar dem Dorfe nahe Berghänge, ein Paar andre sind Wüsten aus grauen Granittrümmern. Im Winter ist ein einheitliches flimmerndes Weiß über die gletschernahe Welt gelegt, und das Dorf liegt begraben und versunken inmitten. Wer
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Sommer 'wie Winter schauen die Könige des Hochgebirges, schneereiche Häupter unterm Himmel herab auf das einsame Wplen.
Nun könnte das Dorf in seiner Einsamkeit ruhen bleiben, die von Alplen würden darüber nicht zürnen; denn so groß ihre Berge sind, so klein ist ihr Hochmut, und kümmern sie sich um die Welt nicht, so brauchte sich die Welt nicht um sie zu kümmern, wenn die Merkwürdigkeit nicht wäre, daß die von Alplen den Geiger hören.
Der Simmen. der Bergführer, der am Montag mit einem Fremden auf dem Halenstock gewesen ist. hat ihn gehört, und heute sind dem Renner-Wiesi seine Kinder, die in den Alpenrosen ausgewesen, mit bleichen Gesichtern ins Dorf zurückgefahren: „Jesses, er geigt droben in der Jnneralp, der Troger-Jakob l Iesies, wir fürchten uns so!"
Aber es will alles der Reihe und Ordnung nach erzählt sein. Die' Renner-Kinder kennen den Troger-Jakob gar nicht, der Simmen aber, der vierzigjährige, kann ihn wohl kennen. Seine Zeit hat der Troger-Jakob gehabt, als der Simmen ein zehnjähriger Bub war. und der Troger war damals um die Zwanzig.
Wo vom Berg die Straße in das Dorf mün-
r
det, ist eine kleine Mischernbare Brücke. Ein schmaler Wildbach führt darunter vorbei der Rüß zu. Die eine Äruckenmauer aber hört am Bach selbst nicht auf, sondern setzt sich fort, bis sie auf ein niedriges, sauberes graues Haus stößt. Es hat zwei Stockwerke; in zwei Schritten gelangt einer von der Straße in Mur und Stube des Erdgeschosses. Grobtun kann das Haus mit nichts; anders als an den andern Häusern sind nur seine Fensterladen. Sie sind alt und verwettert. aber die breiten schwarzen und gelben Striche, mit denen sie bemalt waren, sind noch zu erkennen; sie zeigen an, daß das Haus früher ein Staatsgebäude gewesen; vielleicht hat da einmal ein Zolleinnehmer gewobnt. Jetzt heißt es das Trogerhaus und weil keine Troger mehr da sind, zerfällt es. Das rechte Trogerhaus aber war es vor dreißia Jahren.
Vor einigen dreißig Jahren und an irgendeinem Sonntag saß auf der Mauer zwischen Haus und Brücke ein junger schlanker Mensch, hatte das eine Knie auf der Mauer liegen und das andre Bein auf den Boden gestemmt und spielte die Geige. Schlank sein, heißt da oben nicht sein und biegsam sein wie in den Städten. Der Troger-Jakob war nun gerade und schmal gewachsen, seine Kirochen aber waren so hart
