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L. I. David:

Das Angeborene

J. J. David, geboren zu Weißkircbeo in Mähren am 6. Februar 1859, gestorben in Wien am 20. November 1906.

Jakob Julius David war das Kind armer, jüdischer Eltern und der junge Mensch schon gab seinem Leben eine strenge, auf literarischen Erwerb eingestellte Richtung. Nach dem Besuch der Gymnasien in Tcschen, Troppau und Kremsier bezog David im Jahre 1877 die Universität Wien. Er war ein fleißiger Student, der seine Begabung auf Zins legte, und der sich langsam durch die unentbehrlichsten philologischen und histo- rischen Studien schob. Davids Studienzeit wer kein Fruhlingsfest wie bet vielen, sondern ein harter Arbeitstag. Nachdem er promoviert hatte, dachte er wohl daran, sich der Lehr­tätigkeit zu widmen, aber diesen Weg fand er durch eine zunehmende Schwerhörigkeit verlegt. Es lebte viel künstlerische Sehnsucht in David. Er wollte heraus aus dem Ghetto seiner ^Armut und Bedrückung und diese Befreiung konnte nur durch die Feder erreicht werden. David hat vorübergehend dem redaktionellen Stab einiger Wiener Zeitungen als Essayist und Kritiker angehort, aber er hat sich immer wieder frei gemacht für das eigene Schaffen. Mit zähem Fleiß strebte er zunächst in das Handwerksmäßige der Sprache einzudringen, um ihre Beherrschung theoretisch zu erfassen. Die kunstgerecht komponierte Novelle war ein Objekt von erreichbarem AVert und so machte er sich mit Emsigkeit an die Arbeit. Auf der Umschau nach Vorbildern traf er in Konrad Ferdinand Meyer den

Meister, dem er nachzufolgen beschloß. Hat David auch das klassische Vorbild nicht ganz erreicht, weil das Schöpferische nicht nachgeahmt werden kann, so hat ihn d>e zuchtvolle Ein* sicht in das Wesen der Meyerschen Novelle in seinen Zielen doch ungemein gefordert. 1891 ließ DavidGedichte" erscheinen, nachdem er im Jahre vorher seine ersten Erzählungen Das Hoferecht" undDie Wiedergeborenen" veröffentlicht hatte. Der Erfolg kam sehr langsam. Auch die weiteren Gaben blieben zunächst auf den kleinen Kreis der Freunde und Kenner beschränkt. Die theoretische Beschäftigung mit dem Drama führt« David dazu, sich auch in dieser Kunstform zu versuchen. Ohne rechten äußeren Erfolg schrieb er die SchauspieleHagars Sohn" (1891),Ein Regentag" (1896) undNeigung" (1898) Von dramaturgischen Schriften sind eine Anzengruberbiographic (1904) und eine Abhand­lung über den Schauspieler Mitterwurzer zu erwähnen. Die späteren novellistischen Arbeiten von spezifisch österreichischer Färbung brachten Davids Eigenart zu wachsender Geltung. Er schrieb den RomanDas Blut" (1891) und die ErzählungenProbleme" (1892), Frühschein" (1896); nachVier Geschichten" (1898) den RomanAm V^ege sterben" (1900) und die NovellenDie Troika" (1901),Der Übergang" undStromabwärts" (1903),Die Hanna" (1904) undWunderliche Heilige" (1906). Im Jahre 1897 war David durch eine Ehrengabe aus der Bauernfellstiftung in Wien ausgezeichnet worden. Als er nach langer Krankheit i. J. 1906 starb, hatte der Name J.J. David literarischen Rang erlangt. R. E.

Das Angeborene

Das Sprechzimmer der Realschule war gesteckt voll. Denn das Wintersemester ging zu Ende, und so Hatten viele das Bedürfnis, sich noch einnial Bescheid über das wahrscheinliche Ge­schick ihres Buben zu holen, es vielleicht durch Bitten oder Vorstellungen noch vor der Schick­salsstunde ins Günstige zu kehren.

Es ist erstaunlich, wie sinnreich Eltern aus solchen Anlässen zu werden Pflegen. Sie haben Beredsamkeit, ganz merkwürdige Einfälle einen großen Reichtum an wirksamen, ja schlechter­dings zwingenden Gründen, die allerdings lei­der nur zu oft durch Wiederholung versagen, für so neu und unwiderleglich sie die auch halten mögen, die sie aus tiefster Ueberzeugung Vor­bringen. Das Geschlecht der Mittelschullehrer ist nun einmal Hartherzig und wird frühzeitig abgestumpft.

Einen Gegner aber fürchtet es dennoch, weil es ihn aus manchem harten, oftmals ganz wider Erwarten endenden Strauß kennt; dieser sind die Mütter. Sie kämpfen mit einer großen Zähigkeit, ohne jede Rücksicht auf die beschränkte Zeit des Hörenden oder auf die übrigen, die ein gleiches Anliegen hierher geführt hat. Den Gegner, den sie nicht gewinnen können, womit sie es am liebsten vorerst probieren, den möchten sie übermüden und so zu einem Zugeständnis verlocken. Die Gaste des "Wortes, die ihnen

von Geschlechts wegen zukommt. steigert sich ganz unglaublich. Alle ihre Künste versuchen sie: Anmut und verheißendes Lächeln in jün­geren, Würde und ihren Nachdruck in reiferen Jahren.

Inzwischen verharren die Herren Jungen auf dem Gange ihren Bescheid. Mehr oder minder beklommenen Gewissens; denn irgend etwas, wovon er nicht wünscht, es möchte aufkommen. hat so ein richtiger Bengel doch immer auf dem Kerbholz; etwelche Geheimnisse schweben immer zwischen Schule und Haus. Wenige Schritte sind zu tun, und sie bringen wunderliche Wand­lungen der Gesinnung hervor. Das hoffnungs­volle Kind, für dessen Vortrefflichkeit und höchst verheißende Begabung kaum noch mit dem Ton der innigsten Zuversicht und Gläubigkeit ge­kämpft worden war, dessen Zukunft so Unsäg­liches für die Gesamtheit versprach, erhält Titu­laturen zugeflüstert, die ihm gegenüber sonst niemand ohne strafrechtliche Ahndung gebrau­chen dürfte. Blicke werden wie Lanzen ge­schleudert und Handbewegungen getan, die un­ter anderen Verhältnissen an sich schon klagbar wären: Dialoge spinnen sich an. die sehr erregt und dennoch leise auf der Straße in mystischen Drohworten weitergeführt. zu Hause fortgesetzt werden und zu ziemlich gestörten Mittagsmahl­zeiten führen, bei denen niemand Hunger hat,

als dem er von Rechts wegen für einige Zeit vergehen müßte.

Der Mann in der Uniform eines Eisenbahn­dieners wartete geduldig und dennoch aufgeregt, bis die Reihe an ihn kam. Um ihn schwirrten die Stimmen, und jedes Wort, das ihm ver­nehmlich wurde, tat irgendeine Wirkung auf ihn. Er schüttelte sich bei schlechten Auskünften be­kümmert den Kopf; er lächelte vergnügt und innig mit seinem breiten Mund; er nützte seine Dienstmütze als Ansdruck seiner Stimmungen, hob sie und ließ sie ganz niedergeschlagen zu Boden sinken. Er war eher häßlich als sonst was; ziemlich kräftig, mit einem sehr hellen Ge­sicht und vielen Sommerslecken darin; das Haar mochte vordem strohfarben gewesen sein, ehe es ganz ergraut war. Sein Aller zu bestimmen, ivar völlig unmöglich. Man hatte keinen rech­ten Eindruck von ihm und hätte ihm tausend­mal begegnen können, ehe man sich sein Gesicht merkte. Nur die Augen waren schön; sehr hell­blau und dennoch sanft und sprechend, wirkten sie doppelt, nachdem sie fast keine Wimpern ver­schütteten. Endlich trat er aus einen der Herren zn, und er tat einen tiefen Diener und sagte: Ich bin so frei und ich komme wegen Gregor Gazda, Herr Professor/

Weaen Jbres Jungen?"

Wegen Gregor Gazda."

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