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Oie Welt-Liieeatur" -1919 Är. 42 3 - 3 - David: Das klngeborene

Der Herr Professor lächelte: »Gregor Gazda? Er ist weiter brav."

Bei allen Herren brav?" Und er hielt die rechte Hand vor das Ohr, als dürfe ihm kein Laut entgehen, und atmete hastig.

Der Professor blätterte eilfertig und ziemlich gedankenlos in seinem Katalog:Es ist keine Klage über ihn. Freilich, seine Klasse taugt ge­rade nicht viel. Ziemlich Lausbuben," der Mann knickte zusammen, als legte ihm jedes Wort ein Gewicht auf.Aber Gregor Gazda ist sehr fleißig" er begann sich wieder aufzurichten und wird wahrscheinlich wieder Vorzugsschüler. Ein sehr ordentlicher Junge, aus dem schon was werden wird. Er macht auch im Deutschen sehr schöne Fortschritte. Das war bei ihm die Hauptschwierigleit."

Der Mann wagte ein sehr sanftes und glück­liches Lächeln:Natürlich war das bei ihm Hauptschwierigkeit" er buchstabierte das Wort ordentlich, damit er es ja behalte.Und das­selbe Hab' ich ihm auch gesagt weih ich nicht einmal, wie oft, dah ich's ihm Hab' gesagt. Sehr dantbar muht du sein zu den Herren Professo« ren, Hab' ich ihm gesagt, welche so gut zu dir sind und sich so mit dir plagen. Denn du warst ein ganz dummer Bub, wie du hergekommen bist, und hast nichts gewußt und nicbts gelernt. Woher auch? Oder von wem denn? Und du mußt ihnen die Hand küffen in Gedanken, weil sie sich's in Wirklichkeit nicht lasien, und muht für sie betem sag' ich ihm. Verstehst? Weil sie doch einen Menschen aus dir machen. Aber sie sind heutigentags nicht mehr so," und er schüt­telte in inniger Betrübnis den Kopf,vielmehr ganz anders sind sie."

Das sind sehr löbliche Gesinnungen," meinte der Professor schon sehr abgespannt.Aber der Junge ist auch wirklich brav."

Ist er kein Raufer nicht? Und nicht Dick­schädel?"

Stein. Es ist durchaus nicht zu klagen."

Ein ungläubiges und dennoch sehr seliges Lächeln:Sticht, weil ich ihn loben möcht' aber das ist doch wirklich zum Staunen. Herr Professor! Wo er es zu Haus doch nicht hat, wie andere Kinder. Nämlich, wo wir doch kein Weib nicht haben, und ich Hab' Dienst, einen Tag um den andern, und kann nicht achtgeben auf ihn, wie man soll, damit so ein Bub nicht Streich' macht, und er kommt zu mir auf die Bahn und wir essen zusammen unser bissel

S en. und er hat gar keine Hilfe, außer was ich ernt Hab' und kann's ihm zeigen. Und das ist wenig, Herr Professor! Denn ich kapier' nicht mehr leicht, und sonst, was hat unsereiner gelernt und was weiß er? Nix hat er gelernt, und wissen tut er also genau das nämliche. Und wenn ich nach Hause komm' no, so bin ich ihm vielleicht gar im Weg. weil ich müd bin und ich muß schlafen, wenn er vielleicht gerade laut lernen möchte, und er ist sehr klug und weiß, ich brauch meine Ruh auch. Und. .

Die Glocke zeterte, und aus'dem Gang erhob sich der Tumult eilfertiger und trappelnder Kna­bensüße, ausgerissener und hastig zugeschlagener Türen Er brach erschrocken ab, mitten im Satz: Bitt' ich um Verzeihung,"- dienerte abermals und ging. Der Professor sah ihm lächelnd nach. Ein komischer Kauz," dachte er sich.Das spru­delt doch nur so aus ihm. und er ist doch kein Schwätzer. Und was es für eine Bewandtnis mit dem Buben haben mag? Daß er doch nie nach seinem Sohn fragen kommt, immer nur Gregor Gazda? Na es wird seinen Grund haben und geht mich endlich nichts an." Er räkelte sich ein wenig, gähnte und schlenderte langsam seiner Klasse zu.

Unten aus der Gasse aber wartete der Mann, bis die Schule zu Ende war. Jeden Lehrer, der aus dem Hause trat oder hineinging, grüßte er tief und respektvoll. Er war in sonderlichen Ge­danken: tief und fröhlich. Einen Virginiastum­mel suchte er aus seiner Brusttasche, wickelte ihn aus vielem Zcitungspapier. betrachtete ihn höchst liebevoll, zündete ihn an und tat einige Züge aus ihm, um ihn dann wieder ausgeben zu laf- sen. So verlängerte er sich kunstvoll den Ge­nuß, der zu kostspielig war. als daß man sich ihm so ohne weiteres hätte hingeben können. Die Stunde verging. Die Straße, die lange fo still gewesen, begann von eitel Jugend zu schwärmen. Endlich kam der Knabe, auf den er gewartet. Ein sehr umständliches Äbschied- »ehmen von einem Kameraden zuvor; ein gnä­

diger Gruß über die Gasse hinüber, ehe er auf den Harrenden zukam, der ihn mit innigem Vergnügen aus der Entfernung betrachtet hatte. Er war doch ein hübscher Junge; flachsblond, zierlich und dennoch kräftig; nur mit sehr leben­digen, braunen Spitzbubenaugen, die immer rundum gingen und nicht ein noch so kleines Weilchen ruhig waren. Und angezogen war er doch, als wär' er eines Oberingenieurs und nicht eines armen Dieners Kind. Und wie ihm nur alles zu Gesicht stand! Der Winterrock war freilich ganz neu; und das frische Knabengesicht sah unter der braunen Pelzmütze so hoffnungs­voll und unternehmend in die Welt! Die bei­den gingen eine Weile schweigend nebeneinan­der: nur manchmal, kosend, strich der Diener dem Knaben übers Gesicht. Endlich:Du darfst dir heute zu Mittag was Gutes wünschen, Gregor. Die Professoren sind recht zufrieden mit dir."

Recht? Ich möcht' wissen, mit wem fie's besser sein können. Du hättest dir den Weg sparen können." Noch klang die Betonung des Slawen vor; aber schon versuchte sich der Junge in der weicheren, wienerischen Mundart.

Ja," der Alte fiel in Kümmernis,aber deine ganze Klasse taugt nicht viel, sagt der Herr Klassenvorstand."

Dafür kann ich doch nichts," entgegnete der Junge.

Ja aber du mußt noch braver sein. Gre­gor. Denk dir nur, wenn ich hätte das Glück und du könntest vielleicht gar einmal wirklich Professor werden." Er war ganz Andacht und Verwunderung über eine solche Möglichkeit.

Na die werden auch einmal Buben ge­wesen sein," lachte Gregor und ließ seine mun­tern und beweglichen Äugen schweifen. Denn es war ein heller und blanker Wintertag. an dem die Welt aussieht, als wär' in ihr ein großes Scheucrfest gehalten worden und nun funkelt alles vor Reinlichkeit. Der Schnee flirrte und die Sonne war hell; und ein klingender Frost war und die Wagen knirschten, wenn sie die Straße durchfuhren. Dazu Aussicht auf ein gu­tes Zeugnis, auf famose Eisbahn, auf ein gutes Mittagessen. Er schlenkerte mit seinem Bücher- riemen vor innerer Vergnüglichkeit und rief manchmal einem Kameraden einen Gruß zu, aber wie einer, der weiß, es ist eine Auszeich­nung, mit wem er verkehrt, und es wird auch so ausgenommen. Immer ward herzlich ge- de.nkr. Der Alte freute sich sehr darüber. Tenn ihm war das ein Beweis, daß sein Gregor was galt, und daß man ihm zugetan war. Und fo gingen sie, im letzten Grund zwei glückliche Menschen, heim durch den flockenstiebenden und hellen Wintertag.

Hinter dem Franz-Joseks-Bahnhof steht noch ein letztes, wunderliches Stückchen Wien. Mit engen Gäßchen, auf denen die Kinder unbeküm­mert spielen können, als wären sie in einem Dorf und nicht in einer Großstadt.

Noch hat sich die Straßenbahn hier nicht ge­waltsam den Pfad gebrochen. Nur ein Streif­wagen fährt manchmal mit schwerem Gerum­pel durch, zwischen den Häuschen, die niedrig und bunt getüncht sind. Die Kirche in ihrer Mitte ragt wirklich beherrschend auf über diese schmalen und verworrenen Gäßchen, ist der Mit­telpunkt dieses Dörfchens, das kleine Leute be­wohnen. ganz für sich, unter andern Gewohn­heiten und Bedingungen des Lebens, als die sonst in der großen Stadt gültig sind.

Am Donaukanal, auf den Anlagen um den Bahnhof.,vergnügt sich die Jugend, die sich als Stamm für sich, mit einer eigenen, sehr reschen Mundart empfindet. Noch werden hier zahl­reiche Singvögel gehalten und zwitschern an linden Abenden vergnüglich durcheinander. Hier gibt es noch große Tore. Ziemliche Hofräume, in denen das Geflügel sein Wesen treibt: Trep­pen. ausgetreten und Hühnerleitern ähnlich, die zu dem ersten und einzigen Stockwerk füh­ren. Beschränkte Wohnräume.

Schon erhebt sich da und dort am Rande die­ses Eilandes eine Mietskaserne und blickt hof- särtig nieder in das Gewimmel unter ihr. Aber noch bestehen billige Mieten; noch ein fehr freundschaftliches Verhältnis zwischen Mietern und Hausherren, die noch mit der ganzen Seele an ihrem Besitz hängen und alles daran wen­den. das Häuschen, das den Ertrag der eigenen oder gar der Lebensarbeit der Ahnen darstellt.

so schmuck und heimelig zu erhalten, wie nur möglich.

Hier wohnte Gregor Gazda der Aeltere seit vielen Jahren und genoß allgemeine Achtung als ein stiller Mann, der nur für sich lebte, von keinem was wollte niemandem etwas schuldete und ganz ohne Dünkel war; der gerne Freund­lichkeiten, ja nach seinen Mitteln Dienste erwies. Hicher hatte er seinen Jungen gebracht aus dem mährischen Dorf, das ihrer beider Heimat ge­wesen.

Er hatte keine näheren Freunde, kaum einen

ä ang, nicht einmal unter seinen engeren sleuten, deren einige gleichen Dienst mit ihm taten und etwas von seiner Vergangenheit und ihren Schicksalen wußten. Er selbst kam nie darauf zu sprechen. Er hatte vordem schon sel­ten genug mitgetan, wenn sie ins Wirtshaus oder sonst in eine Unterhaltung gingen. Nach­dem er sich den kleinen Gregor geholt, schloß er sich noch mehr ab. Er sparte jeden Heller, und man schalt ihn dennoch nicht geizig, obwohl man bestimmt wußte, daß er einiges Vermögen habe.

An seine Wohnung wendete er manches. Die war sehr sauber und gut eingerichtet, und ihm fiel immer wieder was ein. damit man sie be- haglicher und seinem Buben, der nun einmal levder Gottes keine Mutter mehr hatte, wohn­licher machen konnte. Er hielt sich eine Menge Blumen und gärtnerte sehr geschickt und sinn­reich herum. Es waren ganz weibliche Talente m ihm; und man bespöttelte ihn dennoch nicht zu, sehr. Ganz glücklich war er. wenn er. den Dienst, hinter sich, zu Hause saß, dem Jungen gegenüber, der so ernst und wiederum fo leicht lernte, daß es eine Freude war. Er horchte an»-' - " dachtig und mit der Miene völligen Verstehens den fremden Worten oder den rätselhaften For­meln, die sich der einprägte, und nickte sehr bei­fällig mit dem Kopf, wenn er endlich seine Lek­tion herunterschnurrte, daß es nur so eine Lust war. Denn er hatte ein famoses Gedächtnis, der Bursche, und das Lernen machte ihm wirk­lich Spaß. An freien Tagen ging er gerne mit dem Buben spazieren. Er versuchte alsdann ein gebildetes Gespräch mit ihm zu führen. Das bekam ,hm übel genug; denn der Knabe merkte bald wie unzulänglich die Kenntnisse seines Begleiters seien, war stolz auf seine junge Schü­lerweisheit und duldete keine Abweichung da- bon. Etwas Rechthaberisches hatte er immer an sich, das Musterschüler oftmals so unleidlich wacht. Es verletzte den andern häufig, und er ließ es sich dennoch gefallen, ja nachmals, wenn er sich die Dinge zurechtlegte, so hatte er seine Freude damit, wie treffend und bestimmt der Junge zu antworten wußte. Tausendmal demü­tigte er sich in seinen Gedanken vor ihm. der chm tief verpflichtet hätte sein müssen, und oft und oft schien es ihm genug, daß sich der kleine Gregor seine große Liebe eben nur gefallen ließ.

, Ja. in dem Knaben lebte halt ein anderer und ein höherer Geist. Er selber hatte die Pflicht, sich davor zu beugen und ihn zu hegen. Wie leicht ihm zum Beispiel nur das Deutsche wurde! Der Alte lebte doch so viel länger in Wien, paßte nach Kräften auf. und man konnte ihm immer noch anmerken, woher er eigentlich gekommen war: hier war selten mehr etwas zu spüren, und dabei blieb die Muttersprache sicher und geläufig. Und er war im letzten Grund auch ein guter Junge, dem die ganze Klasse samt der Lehrerschaft zugetan war. Daß ihn am Ende die Themen wenig interessierten, bei denen sich sein Pfleger am liebsten verweilte ja. er war gerecht genug, das auch dann noch zu be­greifen. wenn es ihm weh tat. Begann dem Jungen doch sogar das Bild der Mutter lang­sam vor der Fülle neuer Eindrücke zu verblei­chen. deren Erinnern ihm frisch und heilig zu halten sich der Alte aus guten Gründen be­mühte. Und wenn ihn der kleine Gregor noch nicht so gerne hatte, als er es just um ihn zu verdienen meinte, so tut bei derlei die Gewöh­nung viel, und einmal mochte schon das richtige Verständnis erwachen und ihr Werk vollenden. Denn für sich begehrte Gregor Gazda der Äel- tere so wenig von ihm, als er sich jemals etwas vom Leben verlangt hatte. Je höher er ihn stei- en sah in seinen sorgenden und liebevollen Ge- anken, desto weiter und unüberbrückbarer wurde doch auch der Abstand zwischen ihnen zweien.

Wie hübsch er nur war! Und wie fein er sich hielt I Ja, wenn man nicht darauf geachtet hätte.