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Joseph Viktor Widmann:

Als Mädchen

Joseph Viktor Widmann, geboren den 20. Februar 1842 zu Nennowitz in Mähren. Gestorben in Bern am 6. November 191 Der Schweizer Dichter J. V. Widmann hatte einen weiten Weg der Voll­endung zurückgelegt, als er starb im Jahre 1911. Er stammte aus der mährischen Provinz. Sein Vater hatte unter phantastischen Umständen geheiratet. Ehedem Zisterzienser im Heiligenkreuzstift bei Wien, entfloh ex mit den Seinen in die Schweiz, machte eine bedeutende geistige Wand- luug durch und wurde 1845 protestantischer Pfarrer in Liestal bei Basel. Hier ist der Knabe herangewachsen, in einer sehr guten geistigen Kinder­stube: der Vater gab die Einführung . in die klassischen Sprachen des Altertums. Der zartsinnigen Mutter wurden musikalische Offenbarungen gedankt. Wohl vorbereitet, trat Joseph Viktor Widmann in das Baseler Pädagogium ein, wo ein Erziehungskünstler, wie Wilhelm Wackernagel, ihm Freund und Lehrer ward. Zunächst muhte dann freilich ein Brotstudium ergriffen, und nach des Vaters Willen Theologie betrieben werden. Aber schon in Heidelberg wurden zu Beginn der sechziger Jahre schönwissen­schaftliche Studien bevorzugt mit der heimlichen Hoffnung, man werde es einmal in der Poesie zu etwas Tüchtigem bringen. Nach bestandenem Staatsexamen im Jahre 1865 heiratete der Dreiundzwanzigjährige und erhielt im Jahre darauf eine erste Anstellung als Musikdirektor und Organist in Liestal. Dann wurde er Pfarrhelfer in Frauenfeld, und 1868 Direktor der Mädchenschule in Bern. Zwölf Jahre lang hat er dieses Amt ver­waltet. Zu Beginn der achtziger Jahre fügte sich's, dafi Widmann seine Tätigkeit abermals dem Schrifttum näher bringen konnte. Er trat in die Redaktion des BernerBund ein, der er bis ans Ende seiner Tage an­

gehörte Die Universität ehrte den immer heimischer werdenden Mähren durch die Verleihung des philosophischen Doktorhutes, und darin lag wohl - auch neben der pädagogischen eine Anerkennung für den Poeten. Wid­mann hatte mit allerlei klassischen Rhythmen debütiert, mit zwei Dramen Iphigenie in Delphi (1865), Arnold von Brescina (1866) und mit den epischen Dichtungen Buddha (1669) und Kalospinthechromokrene, oder: der Wunderbrunnen von ls. Das letztere Werk erschien unter dem Pseudo­nym Messer Ludovico Ariosto Helvetico (1873). Da lag denn alle dichte­rische Sehnsucht eines Autors beschlossen, den es immer wieder gelockt hat in klassische Gefilde. Mit stetiger Arbeit hat er um sein Ideal gerungf« Widmanns Feder entflossen zahllose Gaben. Mit zwei Werken hat Wid­mann in späteren Jahren allgemeine Anerkennung gefunden. Mit seiner berühmtenMalkäferkomödie (1896) und mit dem gedankenvollen Schatten­spielDer Heilige und die Tiere* 4 (1905). In beiden Dichtungen, in denen Widmanns künstlerische Ausdruckskraft zu hoher Form gereift Ist, gibt die Tierwelt Rahmen und Symbol zu einer zarten, humorvollen Satire mensch­licher Besonderheiten und Schwächen; aufgezeigt von einem Poeten, der lindern will die Not der Kreatur. Dem berühmten Redaktor desBerner Bund bedeutete im Grunde alles, was er zu Tage gefördert hat, nur Bau­steine zur eigenen Vollendung. Die Spannweite seines immer regen Geiste« umfasste viele Grade schriftstellerischer Produktivität vom journalistisch orientierten Essay bis zur klassischen Dichtung mit dem Ewigkeitszug. Die Deutschen haben an diesem Schweizer durch Wahlverwandtschaft einen treuen Landsmann gehabt; manch einer hat in J. V. Widmann einen tätigen Freund verloren, der gefördert hat durch Weisheit und Güte. Richard Elchinger

Wer nur einigermaßen mit der Schweizer Alpenwelt vertrant ist, wird die Erscheinung eines Rudels Gemsen zu den viel sel­teneren Reiseerlebnissen zählen, als den Anblick jener Rudel junger Mädchen, die von weitem schon durch schneeweiße Alpenstöcke, flatternde Schleier und hohe Sopranstimmen sich als eine spazieren gehende Mädchenklasse ankündigen. Dem Überfall, mit dem ein solcher Mädchenschwarm ein freundlich gelegenes Alpenwirtshaus beglückte, verdanke ich nachstehende abenteuerliche Geschichte, die ich, da sie mir unterhaltend schien, gern auch anderen will zu­kommen lassen.

Ich hatte damals es war noch vor dem Jahre siebzig den Aufstieg von Meiringen her nach der großen Scheideck an- getreten und war eigentlich gewillt, am Abend in Grindelwald einzutreffen. Aber es fand sich, daß die Sonne schon stark gegen Westen sich neigte, ehe ich nur das Hotel beim Rosenlauigletscher erreicht halte. Wie recht und billig, hatte ich mich auf dem Wege durch das von Wäldern umschlossene Wiesental, das sich von den Reichenbachfällen in mäßiger Steigung weiterzieht, durchaus nicht beeilt. Man geht dort bequem wie in einem Park; nur daß kein Park so großartige Fernsichten gewährt. Diese Meinung äußerte

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