«Die We
auch ein alter Franzose, der zu Pferde mich einholte und ein Gespräch mit miv anknüpfte, nachdem er mich um Feuer für seine kurze Holzpfeife gebeten hatte! denn auch dem Führer seines Pferdes war der Vorrat an Zündhölzchen ansgegangen. So sehr gefiel dem Franzosen die Gegend, daß er abstieg, Pferd und Führer vorausschickte und mit mir langsam den Weg zu Fuß fortsetzte. Dies nahm mich einigermaßen wunder, da der Fremde, wie seine weißen Haare unzweideutig verkündeten, im Greisenalter stand und wohl mehr als siebzig Zahre zählte. Aber er hielt gut ans und gab mir zu verstehen, daß er von seinem ehemaligen Soldatenleben her die Gewohnheit der Abhärtung bis ins Greisenalter fortgesetzt habe, und zwar mit bestem Erfolge. Die feine Sprechweise des alten Mannes, der sich zu freuen schien, hier in der Einsamkeit einen Begleiter zu finden, mit dem er sich in seiner Muttersprache unterhalten konnte, ließ mich schließen, daß ich es trotz der Holzpfeife nicht mit einem gewöhnlichen alten Troupier zu tun hatte; auch seine Höflichkeit bezeichnete den Franzosen aus aristokratischem Blute.
Sv lieh ich mich leicht bestimmen, als wir endlich den freundlich gelegenen Rosenlaui- Gasthof erreicht halten, wo der liebenswürdige alte Herr die Nacht zuzubringen gedachte, ebenfalls hier Quartier zu beziehen, obschon ich, da es in den ersten Zulitagen lange hell bleibt, noch Zeit gehabt hätte, das Wirtshaus auf der Pahhöhe zu erreichen. Es fand sich, daß wir die einzigen Gäste zum Übernachten waren; eine Schar Engländer war eine halbe Stunde vor unserer Ankunft aufgebrochen, nach Grindelwald zu. Wir machten es uns, jeder in seiner Stube, möglichst bequem und erschiene» in Pantoffeln zum Abendessen, das wir noch bei Tageshelle gemeinschaftlich einnahinen. Das Gefühl, allein die Herren des Hauses zu sein, -verbreitete eine bequeme, ich möchte sagen häusliche Schlafrockstimmung über unser Lun und Lassen, und unter heiteren Gesprächen tranken wir unseren Fleury.
Auf-einmal reckte der Kellner, welcher vom Fenster des Speisesaals in die nun allmählich in Dämmerung sich einspinnende Gegend hinausblickte, gewaltig den Hals, stellte sich auf die Zehenspitzen, wedelte nach hinten mit der Serviette und eilte mit hastigen Schritten zum Wirt, hierauf zu zweien müßig im Vorhause stehenden Zimmermädchen, die nun ihrerseits unter lauten Ausrufungen treppauf- und abwärts rannten. Kurz, es war etwas los; das lag am Tage. Alsobald orientierte uns denn auch der freundliche Wirt, indem er uns die Sache von der besten Seite darzustellen suchte. „Sie können heute noch tanzen," ineine Herren, „es kommt Damenbesuch . . .“ Dann, etwas kleinlaut: „Ein ganzes Mädchen- institut." —
Wir hakten ohnehin unser Abendessen beendet und traten auf eine Art Veranda vor dem Hause. Richtig. Da kam schon der Vor- irab; drei schlanke, hoch aufgeschürzte Fräulein bildeten die vielversprechende Avantgarde des munteren Völkleins, dessen Hauptkorps auf dem Wiesenpfade des Hochtals rüstig nach- rückte. Die drei Führerinnen blieben vor dem Gasthofe etwas unschlüssig stehen, auf ihre Alpenstöcke sich stützend; sie wollten ohne Sukkurs die Besitzergreifung des Hauses nicht beginnen. Darum winkten sie ihren Freundinnen und riefen sie durch lebhaftes Schwenken roter Tücher und mächtiger Feldblumen- slrauße herbei. Nun waren alle Zwanzig oder
;-Llteratur" 1820 Nr. 2 Z. V. Widmann: Als
Dreißig beisammen, in ihrer Mitte die ältliche Vorsteherin und zwei jüngere Gehilfinnen. Zeht erfolgte der Sturmangrisf. Die 3n- stitutsvorsteherin machte sich an den Wirt, während das junge Heer in den Speisesaal ströinte, der alsobald, da in solchen Häusern jeder Schritt dröhnt, von dem Durcheinanderlaufen der jungen Mädchen donnerte und bebte. Heiteres Lachen schallte dazwischen. Gleich darauf hörten wir das junge Volk die Treppe hinaufstürmen, wo die Schlafzimmer lagen.
.Gehen diese Mädchen denn nun so Knall und Fall zu Bett?" fragte der Franzose. 3ch belehrte ihn, daß sie nur Besitz ergriffen von ihren Stuben und alsdann zu einem frugalen Mahle sich bald wieder einstellen würden. Oben in den Zimmern brach die natürliche Lustigkeit solcher im Backfischalter stehender Mädchen erst recht alle Dämme. Alles gab ihr Nahrung. Die einen eilten ans Fenster und lachten, daß sie gegenüber keine andere Aussicht hätten als das Dach eines Nebengebäudes: andere rutschten die leichten Tannenholztischchen hin und her, um nach ihrem Geschmack das Zimmer zu »röblieren; noch andere jubelten über die kleinen Spiegel oder besprachen eifrig, welche vier Mädchen je zusammen eine Stube bewohnen sollten, wobei es denn zu spaßhaftem und vielleicht auch ernstlichem Schmollen, zu raschen Disputen und ebenso raschen Versöhnungen kam. Wir hörten jedes Wort, und dem alten Herrn machte es ein Vergnügen, wenn ich ihm manche Ausrufe übersetzte. Schließlich aber konnte ich die Bemerkung nicht unterdrücken, wir hätten eigentlich keine angenehme Zugabe mit dieser Einquartierung erhallen. Denn gewiß werde der Lärm bis ziemlich spät in die Nacht hinein fortdauern und am Morgen beim ersten Lichtschimmer beginnen. .Ah bah!" sagte der liebenswürdige Greis, .mir macht das ein unbeschreibliches Vergnügen. O! dieses helle Lachen! And — sehen Sie dort — diese Umschlingung der beiden graziösen Gestalten, die am Brunnen ihre Feldsläschchen ausspülen und ihre Blumen besprengen. Za! so halten's die jungen Mädchen untereinander. 3ch muß das wissen: ich bin ja selbst einmal ein junges Mädchen gewesen."
Als mein Begleiter diese Worte sprach, während ein frohmütiges Lächeln über seine edeln, seinen Züge hinslog, wußte ich doch für einen Augenblick nicht, ob ich recht gehört hatte, da ich den Sinn des Scherzes nicht begriff. Er bemerkte mein Erstaunen und fuhr sort: .Sie stutzen? And wenn Achilles, der Peleide, Ihnen sagen würde, er sei einmal ein junges Mädchen gewesen, so würden Sie doch nichts dagegen einzuwenden haben, da Sie aus der Mythologie wissen, wie dieser antike Held als Knabe unter die Mädchen des Königs Lykomedes auf Skyros gesteckt worden, wo er den Mädchennamen Pyrrha führte. Sie kennen natürlich die Geschichte. Er war ein Herz und eine Seele mit den artigen Töchtern des 3nselbeherrschers. Wie flogen seine langen, rötlichblonden Locken, nach denen man ihm seinen Mädchennamen gegeben hatte, wen» er mit seinen Gespielinnen um die Wette lies, Fangball spielte oder, was schon gefährlicher war, mit ihnen im scherzmeisen Handgemenge rang! O! diese schönen, unverwüstlich frische» alten Sagen! Erst jetzt, im späteren Lebensalter, habe ich Muße gefunden, sie zu lesen, ja eigentlich ihren Reiz mit der Seele zu kosten, wie man edeln Wein andächtig auf die Zunge nimmt."
Ob denn ei selbst vielleicht in einem
Mädchen
Mädchenpensionut auferzogen worden sei, fragte ich dagegen meinen beiagten Freund, der mir jeden Augenblick besser gefiel. „Das nicht," antworiete er. „Meine Geschichte isi viel romaiitischer. Aber da kommen die Mädchen in den Speisesaal; seheii wir ein bißchen der Fütterung zu!" —
Wir verfügten uns in den Saal, wo die iiiuntere Schar eben Platz nahm. Die bescheidenen Toiletten der jungen Damen, meist Helle Waschkleidchen vom dünnste» Stoff, bewiesen hinlänglich, daß wir nicht eiiies jener 3nstitute vor uns hatten, die aus den vornehmeren Ständen des Auslandes sich rekrutieren. Es mar die Oberklasse einer öffentlichen Mädchenschule, die hier Milchkaffee und Kartofseln als Abendbrot verzehrte. Aber gewiß haben fröhlichere Gäste noch nieinals an noch so reichlich besetzter 'Fable d'liote geschwelgt, wie diese lustigen Dinger, denen Gesundheit und Vergnügen aus den braunen und blauen Augenpaaren blitzten. Mein alter Freund sprach inSgeheiin mit dem Wirt ein paar Worte; bald darauf begann in der Küche ein Prasseln von heißer Butter, und nicht lange stund es an, so erschien die erste Ladung eines Gebäckes auf dem Tische, das man in einigen Gegenden Deutschlands Stritzeln, bei uns in der Schweiz „Strübli" nennt. Die Vorsteherin begriff anfangs nicht, lehnte ab, wurde verlegen, bis ihr der Wirt das Wortspiel zuflüsterte; ,,0'est Monsieur le oomte qm regiere le compte.“ So war es in der Tat. Die Vorsteherin erhob sich hierauf mit anständigem Freimut und erklärte ihren Schutzbefohlenen, wem sie diese Ilberbesserung des Abendbrotes zu danken hätten. Die glänzenden Augäpfel der ganzen Schar richteten sich mit dem Ausdrucke einer gewissermaßen kindlichen Zärtlichkeit aus den schönen Greis, der lächelnd jeden Dank ablehnte und mit einem „Guten Appetit, meine Damen!" höflich grüßend den Saal verlieh. 3ch folgte ihm und machte ihm mein Kompliment, wie er verstehe, junge Herzen zu gewinnen. „Das kommt, wie schon gesagt," antwortete er lachend, „einfach von dem Umstande, daß ich selbst einmal ein junges Mädchen gewesen bin." Sie foltern mich! erwiderte ich; zum zweiten Male reizen Sie meine Neugier, ohne sie zu befriedigen. „Za! wenn Sie sich nicht scheuen, der sehr langen Erzählung eines alten Mannes zu folgen, der, wenn er die Schleusen seiner Erinnerungen einmal aufgezogen hat, gewiß reichlich fließen läßt, was fliehen will, — nun, so will ich Ihnen die ganze Begebenheit herzlich gern mitteilen. Eben geht der Mond auf. Spazieren wir ein wenig nach vorn; dort steht eine Bank; wir werden uns im Verlauf der Erzählung wohl niederlassen."
Wir gingen also vors Haus, während drin im erleuchteten Saale die Mädchen noch schnabelierten; bald jedoch hörten wir sie zu den hektischen Klängen eines alten Klaviers tanzen und sahen ihre Gestalten an den hohen Fenstern vorbeifliegen. Eine Zeitlang sah der französische Graf, -- dieser Titel gebührte ihm wirklich — dem schattenhaften Vorüberhuschen der Tanzenden schweigend zu; dann machte er ganze Wendung, blickte hinaus in die mond- beglänzte Landschaft, wo über den Wiesen leichte Nebelwölklein sich lagerten, und begann dann plötzlich, indem er mich unter dem Arm faßte und zu langsamem Auf- und Abschreiten nötigte, seine Erzählung:
„Am Abend des 21. Zuni 1813 lag ein Züngling nackt auf einem Felde in Spanien, und aus dem finsteren Gewitterhimmel über ihm, den die Donner der Schlacht von Viktoria
