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Die Welt-Literatur" 1920 Nr. 24 Emile Zola: Die Erdbeeren / Die Diebe und der Esel / Simplicius / Fastenzeit.

Die Erdbeeren

i.

Die frische Lust hauchte mir ins Gesicht, als ich an einem 2unimorgen das Fenster öffnete. Während der Nacht halte es heftig gewittert. Der Himmel leuchtete wie mit einem neuen Glanz, blau und zart, bis in seine letzten kleinen Winkel von den Güssen reingewaschen. Die Dächer und die Bäume, deren hohes Geäste ich zwischen den Schorn­steinen erblickte, trieften noch vom Regen, und das Stückchen Horizont lachte im gelben Sonnenschein. Den benachbarten Gärten entstieg ein wohliger Dust nach nasser Erde.

Komm, Ninette," rief ich lustigsetz' deinen Hut auf, Mädchen. Wir ziehen aus, aufs Landl"

Sie klatschte in die Hände. 2n zehn Mi­nuten hatte sie ihre Toilette beendet, was für eine kleine Kokette von zwanzig Jahren sehr anerkennenswert ist.

Um neun Uhr waren wir im Wäldchen von Verriöre.

II.

Ein verschwiegener Ort; wieviele Ver­liebte haben sich dort ergangen! An Wochen­tagen liegt das Gehölz verlassen da, man wandelt umschlungen, Seite an Seite, und die Lippen dürfen sich finden, ohne Gefahr, daß andere Leute wie die Grasmücken im Gebüsch Zusehen. Die Alleen mit ihren alten Bäumen dehnen sich, hoch und breit, und das Laubwerk durchgleitend, tupft der Sonnenschein goldene Flecken auf den zarten Wiesenteppich. Und krause Wege gibt's, enge Pfade, die dunkel sind und einen zwingen, sich aneinander zu pressen. Und undurchdringliches Dickicht so­gar ist da, in das man sich tief hinein ver­lieren kann, wo die Küsse nicht mehr klingen.

Ninon ließ meinen Arm fahren und lief wie ein junger Hund, glücklich, das Gras an den Knöcheln zu spüren. Dann kam sie zurück und hing sich an meine Schulter, müde, schmei­chelnd. Weites Gehau immer vor uns, ein endloses Meer, grünwogend. 2m tiefen Schatten der hohen Bäume spürten wir den berauschenden, markigen Hauch des Früh­lings. Man wird wieder zum Kinde, hier, mitten im Geheimnis des Waldes.

O, Erdbeeren, Erdbeeren!" rief Ninon, wie ein entsprungenes Zicklein über einen Graben setzend und in den Sträuchern suchend.

III.

Erdbeeren? ach nein! Rur die Stauden noch unter den Brombeersträuchern.

Ninon dachte nicht mehr an das Geziefer im Grase, das sie doch so sehr fürchtete. Sie ging kühn einher, die Hände tief in den Far­cen, jedes Blatt kehrend, enttäuscht, auch nicht die kleinste Beere zu finden.

Man ist uns zuvorgekommen," sagte sie und ließ das Mäulchen hängen.Ach hör', es gibt aber gewiß noch welche."

Und wir machten uns daran und suchten mit exemplarischer Gewisienhaftigkeit. Ge­bückt, mit langem Hals, die Augen fest auf den Boden gehestet, nur behutsam vorschrei­tend, suchten wir, ohne ein Wort zu sprechen, aus Furcht, die Erdbeeren könnten davonflat­tern. Den Wald mit seinen schweigenden Schatten, die breiten Alleen und die schmalen Fußpfade hatten wir vergessen. Rur Erd­beeren finden! Wir bückten uns vor jedem

Gebüsch, und unsere bebenden Hände berührten sich im Blattwerk.

Mehr als eine Meile l<Hen wir so zurück, gebückt, bald rechts, bald links umhersuchend. Aber nicht die kleinste Beere fand sich, nur die prächtigen, dunkelgrünen Blätter überall. Ich sah, daß Ninon die Lippen zusammenkniff und daß ihre Augen feucht wurden.

IV.

Wir gelangten an eine weite Böschung, auf der die Sonne voll ruhte, mit schweren, heißen Strahlen niederbrennend. Ninon näherte sich ihr, entschlossen, nicht mehr zu suchen. Plötzlich stieß sie einen hellen Schrei aus. Ich lief hin, erschrocken, ich glaubte, ihr wäre ein Unfall zugestoßen. Ich fand sie auf dem Boden hockend; die Aufregung hatte sie überwältigt, niedergeworfen, sie wies auf eine . kleine Erdbeere, die kaum wie eine Erbse groß und nur von einer Seite reif war.

Pflücke ste," sagte sie Mit leiser, schmei­chelnder Stimme.

Ich hatte mich neben ste gesetzt, unterhalb der Böschung.

Nein," antwortete ich,du hast ste doch gefunden, du mußt sie pflücken."

Nein, tu's mir zu lieb', pflücke sie."

Ich wehrte mich so lang und so gut, daß sich Ninon endlich entschloß, den Stengel mit dem Nagel abzuzwicken. Aber damit war eine neue Frage in der Welt. Wer von uns bei­den sollte die arme, kleine Erdbeere nun ver­speisen, dieses Früchtlein, dem wir eine gute Stunde nachgestellt hatten? Durchaus wollte Ninon sie mir in den Mund schieben. Aber ich blieb fest; zuletzt gab ich doch ein wenig nach und man einigte sich dahin, die Erdbeere sollte geteilt werden.

Sie nahm sie zwischen die Lippen und sagte lächelnd:Nun hol' dir deinen Teil."

Und ich holte ihn mir. Ich weiß nicht, ob sich die Teilung ganz brüderlich vollzog. Auch ob die Erdbeere mir schmeckte, weiß ich nicht so gut gefiel mir Ninons süßer Kuß.

V.

Auf der Böschung war es voll von Erd- beersträuchern und diesmal von solchen, die noch Früchte trugen. Die fröhliche Ernte fiel aus. Wir hatten ein weißes Taschen­tuch auf die Erde hingebreitet und uns feier­lich zugeschworen, die Beute ohne den ge­ringsten Abzug hier niederzulegen. Trotzdem fiel es mir wiederholt auf, daß Ninon die Hand an den Mund führte.

Als die Ernte eingeheimst war, fanden wir, daß es an der Zeit wäre, irgendwo im Schatten gemütlich zu frühstücken. Ganz nahe bemerkte ich einen Schlupfwinkel, ein Nest, ganz unter Grün. Bedächtig wurde das Taschentuch an unserer Seite niedergelegt.

Große Götter! Wie gut war's hier, auf dem Moos, im Genuß dieser grünen, frischen Kühle. Ninon sah mich mit feuchten Augen an. Die Sonne rötete ihren Hals zart. Und wie sie meine ganze Zärtlichkeit aus meinem Blick las, schmiegte sie sich, nach meinen Hän­den greifend, an mich, mit einer Gebärde voll reizender Ungezwungenheit.

Die Sonne flammte hoch im Geäste und tupfte goldene Flecken uns zu Füßeln auf den zarten Wiesenteppich. Selbst die Grasmücken schwiegen. Als wir nun nach den Erdbeeren suchten, um sie zu effen, sahen wir mit Stau­nen, daß wir gerade auf dem Taschöntuch ruhten.

Oie

Diebe und der Esel

i.

Ninon, ich kenne einen jungen Mann, den du durchschelten würdest. Laon betet Balzac an und kann George Sand nicht aus- stehen; Michelets Buch hätte ihn fast krank gemacht. Er behauptet ganz unbefangen, die Frau wäre als Sklavin geboren, niemals spricht er die Worte .Liebe' und .Keusch­heit' ohne zu lachen aus. O, wie er euch schlecht behandelt! Ohne Zweifel legt er sich's in der Nacht erst zurecht, um euch am Tage besser herunterzureißen. Er ist zwanzig Jahre alt.

Häßlichkeit scheint ihm ein Verbrechen zu sein. Kleine Augen, ein zu großer Mund, bringen ihn außer sich. Er behauptet, da es auf den Wiesen keine häßlichen Blumen gäbe, müßten alle jungen Mädchen gleich schön ge­boren werden. Führt ihm einmal der Zufall auf der Straße eine rechte Hexe entgegen, so schimpft er drei Tage lang über den Haar­wuchs, die plumpen Füße, die dicken Hände, Ist das Weib dagegen schön, dann lächelt er spöttisch, und das Schweigen, das er dann be­wahrt, ist überreich an schlimmen Gedanken.

Ich weiß nicht, wer von euch Gnade vor ihm finden würde. Brünette und Blonde, Alte und Junge, Liebliche und Häßliche, euch alle umfaßt er mit ein und demselben Fluch. Der böse Junge! Und wie zärtlich sein Blick lächelt! Wie schmeichelnd und sanft seine Worte.

Leon lebt mitten im Quartier Latin.

Hier nun, Ninon, bin ich sehr in Verlegen­heit. Für weniger als nichts würde ich schweigen, die Stunde verwünschend, in der ich auf die seltsame Idee kam, diese Erzählung zu beginnen. Deine offenen, neugierigen Ohren werden Anstößiges hören, und ich weiß nicht recht, wie ich dich in eine Welt einführen soll, die du mit den Spitzen deiner kleinen Füße niemals berührt hast.

Diese Welt, Geliebteste, würde das Para-, dies sein, wäre sie nicht die Hölle.

Wollen wir das Buch des Dichters öffnen und im Lied der Zwanzigjährigen lesen. Sieh, das Fenster liegt nach Süden; die Mansarde, voll von Blumen und Licht, ist so hoch, so hoch im Himmel, daß man bisweilen die Engel auf dem Dach plaudern hört. Wie es die Vögel tun, die den höchsten Ast wählen, um ihre Nester vor Menschenhänden zu sichern, so bauen sich die Verliebten im höchsten Stock­werk an. Dort haben sie den ersten, schmei­chelnden Morgen und den letzten Gruß der Sonne.

Wovon sie leben? Wer weiß es? Viel­leicht vom Küssen und vom Lächeln. Sie lieben so viel, daß, sie keine Muße haben, an die fehlende Mahlzeit zu denken. Sie habe» kein Brot, und doch werfen sie es den Sper­lingen zu. Wenn sie den leeren Schrank öff­nen, essen sie sich am Lachen über ihre Armul satt.

Ihre Liebe beginnt im Frühling. Sie haben sich in einem Kornfeld getroffen. Sie kennen sich schon lange, ohne daß sie sich jemals sahen, und schlagen denselben Fußpfad ein, um in die Stadt zurückzukehren. Sie trägt, wie eine Verlobte, einen großen Strauß am Busen. Sieben Treppen ist sie hinaufgestiegen, und