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Oie besten Romane und Novellen aller Zetten und Völker
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August Strindberg:
Reue Waffen / Vogel Phönix / Der Fannlienversorger
August Strindberg» geboren am 22. Januar 1849 zu Stockholm; gest. am 14. Mai 1912. In ärmlichen, kleinbürgerlichen Verhältnissen wird Strind- berg 1849 zu Stockholm geboren. Der Vater Dampfschiffkommissionär, hat die Enttäuschungen einer absteigenden Kaufmannslaufbahn hinter sich. Er fühlt sich deklassiert in der letzten Umgebung und die eheliche Verbindung mit der ehemaligen Magd und Kellnerin, die es nicht leicht hat mit sieben Kindern, bringt Bedrückungen ins Haus. Besonders für den aufwachsenden Knaben, der, verprügelt und bedrängt von Scham und Hunger, in hoffnungslose Zukunft blickt. Aber Energie wird geweckt indem Unbotmäßigen, der ungeheure Wissensdurst sucht und findet frühe Nahrung in humanistischen Studien. Und dann gelingt es Strindberg an die Universität Upsala zu gelangen. Tief enttäuscht von dem würdelosen Lehrbetrieb der Philosophie und Medizin, kehrt er dieser Art von Wissenschaft nach einem Jahre den Rücken und wird Volksschullehrer an der Klaragemeinde zu Stockholm. Dem Neunzehnjährigen werden diese Räume rasch zu eng. Ein etwas abseitiger Einfall heißt Strindberg seine Begabung zunächst in einer Theaterschule zu versuchen. (DerRoman „DasroteZimmer“ enthält die Schilderungen dieser Zeit.)
Ueber stumme Rollen bringt’s der Novize nicht hinaus. Verzweifelt greift er zur Feder, nimmt die verachteten SLudien wieder auf, geht zurück nach Upsala und entwirft Dramen, ln der Historie „Thor- waldsen in Rom“ klingt noch kein eigner Ton an, aber im Stofflichen gerät sie stark genug, um am Jubiläumstag des großen, populären Bildhauers im Stockholmer Nationaltheater 1870 der Ehre einer Aufführung teilhaftig zu werden.
Karl XV. von Schweden verleiht dem Begabten einStipendium zur Beendigung
der staatswissenschaftlichen, philologischen und astronomischen Studien. Nach bestandenem Examen muß journalistische Kleinarbeit kargen Tagelohn erbringen. Die Berufung in eine Bibliothekarstellung kann nur vorübergehend Strindbergs äußere bürgerliche Situation etwas festigen. Der Einsame begibt sich in das Martyrium seiner ersten Ehe mit der kleinen Schauspielerin Siri von Essen. ,,Der Sohn einer Magd“ (1887) gibt die Entwicklungsgeschichte jener Jahre; „Die Beichte eines Toren“ (1888) enthält das Bekenntnis des durch die Frau unfrei gewordenen Mannes. Dramatische Werke dieser zweiten Periode sind „Der Abtrünnige“, „Das Geheimnis der Gilde“ und Strindbergs erstes Frauenstück
AUGUST STRINDBERG
„Frau Margit“. Noch erscheint, bei aller Problematik der Ehe, für den Dichter eine Versöhnung der beiden Geschlechter ni :ht ausgeschlossen. Ibsens „Nora* 1 aber vollzieht (1879) die radikale Wandlung in Strindbergs Anschauungen. Die Novellen „Heiraten“, denen wir die heutigen Gaben: „Vogel Phönix“ und „Der Familienversorger“ entnommen haben, in Paris entstehend, sind der Auftakt zu dem mit Unerbittlichkeit geführten Kampf zwischen Mann und Weib. „Der Vater“, „Kameraden“, „Totentanz“, die elf Einakter, eröffnet mit „Fräulein Julie“, sind die Hauptwerke dieser dritten, höchst bedeutsamen Schaffensperiode. Auf dem Umweg über die Schweiz gelangt Strindberg nach Deutschland. Ara Bodensee entstellen die kulturhistorischen Novellen „Schwedische Schicksale und Abenteuer“, aus denen wir heute die Novelle: „Neue Waffen“ bringen. 1888 nach Schweden zurückgekehrt, schließt er fünf Jahre später seine zweite, sehr kurze Ehe mit der Wienerin Frieda Uhl. In der folgenden Periode erneuerter Freiheit schreibt Strindberg seinen schönsten Roman,, Am offenen Meer**. In dieser Schöpfung der Einsamkeit vollzieht sich die Geburt des faustischen Uebermenschen und sein Abstieg zugleich in alles umschattende Weltentsagung. Der Ankläger Strindberg wandelt sich zum Büßer. Bleibende, dichterische Symbole dieser Dämmerung sind die bekenntnisschweren Dramen „Nach Damaskus**, „Rausch“, „Advent“, „Ostern“. Swedenborg, der mystische Katholizismus werden für ihn zu Erlebnissen, die den Zusammenbrechenden zu Paris in sein „Inferno“, an die Grenze des Wahnsinns führen. Zu Milde und Weisheit erstarkt der Genesende. Die beiden „Blaubücher“ (1908) geben den geistigen Inhalt der weitgespannten, letzten Epoche, deren dionysischer Auftakt (1901) die etliche Jahre dauernde Ehe mit der begabten Schauspielerin, Harriet Bosse gewesen. An den Dichter der berühmten Vatertragödie hatten sich einst allzu begrenzte Vorstellungen geknüpft. Dann war das törichte Schlagwort vom Frauenhasser Strindberg zu überwinden. Wenn wir aber erst, was hoffentlich bald geschieht, über die Strindbergmode hinausgelangen, wird man erkennen, daß das ungeheure Lebenswerk dieses Revolutionärs sehr viel mehr ist, als Impression des Augenblicks. Ein neuer Kosmos, die Welt noch einmal in allem Jammer, schwebt sein Werk am gestirnten Himmel der geistigen Menschheit. Und gehört keinem und jedem. ^ Richard Elchinger.
Zeichnung von Olaf Gulbransson
