I a g d g e h e i m n i s s e.

Herr Schmidt und Herr Müller waren zwei eifrige Jäger. Ihre Jagdreviere gränzten an einander, eins war so groß wie das andere, Herr Schmidt ging eben so oft auf die Jagd als Herr Müller und dennoch brachte Herr Müller jedesmal Wild nach Hause, Herr Schmidt aber fast nie.

Daö geht nicht mit rechten Dingen zu, dachte Herr Schmidt, ich muß darüber ein ernsthaftes Wort mit Müller reden.

Lieber Müller, sagte er, wir sind immer gute Freunde ge­wesen, aber unsere Jagdgränze will mir nicht gefallen. Sagen Sie mir aufrichtig, durch welches Mittel ziehen Sie alles Wild von meinem Gebiete auf das Ihre? Sie schießen täglich und ich komme nur selten und nur auf so weite Entfernungen zum Schuß, baß ich immer mit ansehen muß, wie das Wild frisch und unbeschädigt auf Ihr Revier läuft oder fliegt.

Ja, lieber Schmidt, sagte Herr Müller lächelnd, die Jagd hat so ihre Geheimnisse- Sie wissen, ich habe einige Jahre in Tyrol auf den Bergen und dann wieder einige Jahre in den Amerikanischen Urwäldern gejagt. Da lernt man von alten er­fahrenen Schützen Mancherlei.

Mag seyn, sagte Herr Schmidt, und ich verlange nicht in Ihre Geheimnisse einzudringen, aber daS werden Sie selbst ein­sehen, lieber Freund, daß ich zu kurz dabei komme. Ihr Re­vier ist voller Wild und das meine ist leer. Ich denke, Sie werden Billigkeit genug besitzen, aus Rücksicht für mich, Ihre Geheimnisse etwas bei Seite zu setzen.

Gern, sehr gern, lieber Freund. Jagen Sie von jetzt an auf meinem Gebiet und ich will auf daS Ihre gehen.

DaS nenne ich gesprochen wie ein Ehrenmann, sagte Herr Schmidt, ihm die Hand schüttelnd. Gleich Morgen will ich das Versäumte nachholen.

Herr Schmidt jagte den ganzen Tag auf Herrn Müller'S Revier und kam doch am Abend mit leerer Jagdtasche nach ij

Hause, Herr Müller ging am Abend auf Herrn Schmidt's Ge­biet nur ein Stündchen auf den Anstand und brachte einen Ha­sen mir.

So ging es eine Woche lang fort: Herr Müller schoß täglich mehrere Stücke auf Herrn Schmidt's Revier und Herr Schmidt schoß nichts auf Herrn Müller'S Revier.

Das hilft nichts, sagte Herr Schmidt ärgerlich, ich sehe schon, am Revier liegt es nicht, es liegt an Ihren verdammten Geheimnissen, lieber Müller. So lange Sie neben mir jagen, schieße ich Nichts und Sie Alles. Als unpartheiischer Mann müssen Sie das zugeben und als alter Freund mir gerecht werden.

Gern, sehr gern, sagte Herr Müller, ich will eine Woche gar nicht jagen. Durchstreifen Sie fleißig Ihr und auch mein Gebiet! Ich wünsche Sie wahrhaftig nicht zu benachtheiligen.

Sie sind doch wirklich ein braver Kerl trotz ihrer unreellen Geheimnisse, sagte Herr Schmidt gerührt, ich nehme Ihr Aner­bieten an, aber die Hälfte meiner Beute gehört Ihnen.

Gut, halten Sie sich nur fleißig dazu!

Herr Schmidt jagte täglich vom Morgen bis zum Abend auf beiden Revieren, aber die ganze Wochenbeute bestand aus einem Birkhuhn. Er lud Herrn Müller am Ende der Woche ein, es mit ihm zu verzehren.

Das Essen begann etwas verdrießlich von Herrn Schmidt's Seite, als sie aber die zweite Flasche Wein anfingen, war er schon heiterer geworden.

ES bleibt mir nichts anders übrig, Freund Müller, sagte er. Wenn ich nicht die Jagd ganz aufgeben oder mich dabei zu Tode ärgern soll, so müssen Sie mir reinen Wein einschen­ken. Handeln Sie als Freund an mir, sagen Sie mir nur eins von Ihren Geheimnissen, damit ich doch nicht allzu kurz komme. Ich verlange nicht alle zu wissen, aber eins oder zwei, damit ich doch endlich auch Etwas schieße.

Von Herzen gern, alter Freund, würde ich Ihnen alle sa­gen , aber solche Dinge hören sich übel an und gedeihen dem Schützen dann am Besten, wenn er sie selbst einem andern ab­sieht. Gehen wir künftig zusammen auf die Jagd und beobach­ten Sie mein Thun und Treiben.

Herr Müller machte dabei ein so ernsthaftes Gesicht, daß Herrn Schmidt ganz bedenklich zu Muthe wurde. Er mußte an den wilden Jäger denken und die unglücklichen Schützen, welche sich ihm ergaben, die in schauerlichen Schluchten Freikugeln

gießen, von denen sechs treffen und sieben äffen,-welche

dann nach ihrem Tode durch Nacht und Sturm mit dem wilden Jäger jagen müssen hoch in den Lüften.

Hören Sie, Müller, treiben Sie keinen Scherz mit mir, sagte er feierlich, ich bin ein aufgeklärter Mann, ich bin nicht abergläubisch-

Ich auch nicht, sagte Müller lachend, aber wir haben viel Wein getrunken; legen wir uns schlafen. Morgen früh hole ich Sie ab zur Jagd. Gute Nacht!

Ja, morgen früh, seufzte Herr Schmidt, als er sich nieder- derlegte, man sollte doch wenigstens nicht über solche Dinge spotten!

Er träumte die ganze Nacht von gräßlichen Ungeheuern mit sieben Kugeln im Herzen, von spottenden Hasen, von la­chenden Birkhühnern, von kohlschwarzen Jägern, von Flinten so groß und dick als Kanonen. Müller drückte ihm eine solche Kanonenflinte in die Hand,an die Schulter damit," sagte er höhnisch und Schmidt hob und hob vergeblich er konnte die Kanonenflinte nicht heben. Da riß Müller sie ihm fort und richtete den weiten dunkeln Lauf auf seinen Kopf, er fuhr er­schrocken zurück, wachte auf und Müller schüttelte seinen lang ausgestreckten Arm.

Wetter, Sie schlafen lange Freund! Ziehen Sie sich rasch an! DaS ist daS erste Geheimniß, daß man nicht zu spät ausgeht.