haben Sie die Tiefe des Saums." Mir fehlte nur der Murh, sonst hätte ich geweint und mit den Füßen getrappelt, so angst- lich und auch so innerlich zornig war ich; es ließ sich jedoch nichts dabei thun, und so fing ich an abzumessen. Es dauerte schrecklich lange, aber Annette kümmerte sich nicht um mich, nur ein Kästchen mit Stecknadeln schob sie niir schweigend hin. — „Bitte, Annette, helfen Sie mir," sagte ich endlich mit Thränen in den Augen. Sie blickte verwundert auf: „Ich will Fräulein gern helfen, aber es ist sehr leicht." Sie besah den eingetheilte» Linon, schnitt einen Streifen Papier von der Breite ab, welche die Säume haben sollten, zog den Rock über ein dazu bestimmtes Brett, begann den ersten Saum zu legen und ließ mich einen langen Faden einfädeln; mit diesem mußte ich den eingelegten Saum befestigen, und dann ward mir die Arbeit wieder allein überlassen. Ach, das waren saure Stunden! im Stillen dachte ich, das heiße die Ballfrcuden theuer erkaufen! Annette kümmerte sich nicht um meine Arbeit, aber sagte mitunter: „Zerknittern Sie den Linon nicht, das sieht schlecht aus." Als es Mittags Zeit war, mich anzukleiden, hatte ich noch gar wenig geschafft. Die Baronin erkundigte sich nach meinen Thaten, und als ich schwermüthig berichtete, cntgegncte sie lächelnd: „Ja, das sind die Sorgen des Lebens! Erstlich aber, mein Kind, mußt Du Alles erlernen, und zweitens ist es Dir heilsam, zu erfahren, wie viel Mühe und Arbeit Andere oft von dem Putz weniger Stunden von uns haben. Eigene Erfahrung macht billig. — Richte heute Nachmittag die Säume recht fleißig ein, damit Du wieder bei mir nähen kannst; ich entbehre Dich recht."

