130
Hetzt bin ich zu einem festen Entschluß gekommen und habe Emma's Beicf beantwortet; eine Abschrift sehe ich für Dich hierher.
„Liebe Emma! Der Anblick Deines Briefes hat mich unbeschreiblich erfreut; das war die einzige Freude, welche er mir gegeben hat! Ein Vorwurf für Dich soll das nicht sein, es ist einer für mich. Du bist vier Zahre älter als ich, das hätte ich bedenken müssen; aber als ich Deine Bekanntschaft machte, warst Du unter allen jungen Mädchen allein freundlich gegen mich. Das zog mich so an, ich fand Dich so allerliebst, so lieblich freundlich, und beschloß. Dich während meines ganzen Lebens lieb zu behalten. Das will ich auch halten; ich will immer an Dich denken, wie an Jemand, die mir wohl gethan hat, als ich dessen recht bedürftig war, denn ich fühlte mich so verlassen an jenem Tage.
Welch' eine traurige Vorstellung machst Du Dir von meiner Pension! Zch kann Dir sagen, daß hier freilich viel Ernst, aber auch viel Scherz und Lachen ist. Bedenke nur, zwanzig Kinder und junge Mädchen, welche unter einem Dache leben, und alles mit einander theilen, Arbeit und Mühe, Scherz und Erholung. Wie Du es ansiehst, wäre eigentlich die ganze Welt ein Gefängniß, denn es giebt doch immer eine Schwelle, über welche man nicht hinaus darf. Zm elterlichen Hause ist doch auch Vieles nicht gestattet.
Unser Tag ist ganz regelmäßig eingetheilt; nach den Stunden gehen wir spazieren, lesen, lernen und schreiben unsere Aufgaben, oder gehen in den Hof hinab, und vertreiben uns dort die Zeit mit allerlei Spielen. Ein Garten ist leider nicht

