35
hereinkam, stand fie auf und öffnete die Thür; da stand die kleine Paula ganz schüchtern und furchtsam. Sie trug dießmal nicht ihre Wickelpuppe, auch sah sie nicht so wohl und gesund aus als sonst; es war ein sehr harter Wintertag, und Paula hatte noch immer ihr Sommerröckchen an, auch waren ihre Händchen ganz blau gefroren und ihr Gcsichtchcn ganz weiß. „Schenken sie mir doch etwas", sagte das arme Kind verlegen. — Mclanie zog sie gleich in die warme Stube. „Armes Kind", sagte sie, „es muß ja ein recht großes Unglück sein betteln zu müssen?" Ach ja wohl, liebes Fräulein, es ist mir auch recht schwer geworden, wir haben aber vier und zwanzig Stunden nichts zu essen gehabt, und zu Hause weinen die Geschwister, und die Mutter weint auch, und der Vater stiert vor sich hin, und sieht so bleich aus, so daß die Mutter meint, er würde krank werden." — „Wie seid ihr aber so arm geworden?" fragte Melanie theilnehmend. — „Der Vater war Bediente," antwortete Paula, „und seine Herrschaft reiste ab, dann wurde er krank und der Winter war so kalt, wir brauchten Holz, und mußten alles verkaufen; zuletzt auch seine guten Kleider, nun will ihn keine Herrschaft nehmen, weil er so schlecht angezogen ist." „Und kann denn deine Mutter nichts verdienen?" fragte Melanie
3 *

