74
fromme Frau, sie war aber nicht sehr gescheit, und so meinte sie dann: „solche vornehme Kinder brauchten keinen Engel, weil sie Bonnen, Gouvernanten und Lehrer halten könnten, und die Eltern nichts anderes zu thun hätten als sie zu beaufsichtigen; aber wir armen Leute, sagte sie dann, wir müssen den ganzen Tag arbeiten, was sollte denn da aus unsern Kindern werden, wenn nicht eine höhere Macht sie schützte und leitete; und sieh, liebe Paula, wenn du so gut und so ftomm bist, da danke ich denn auch immer dem lieben Gott dafür." Das war zwar recht ftomm von Paulas Mutter, sie hatte aber doch Unrecht, wenn sie sagte, daß die vornehmen Kinder keines Engels bedürften. Gottes Güte muß über alles wachen, was gedeihen soll. Paula sagte: „Du glaubst also wirklich, liebe Mutter, daß Gott mir dann und wann einen Engel schickt? O da will ich auch recht brav und fromm sein, damit der Engel seine Freude an mir habe." Dann ging Paula an alle die kleinen Gräber, um zu suchen, welchem Grabe ihr Schutzengel wohl entstiegen sei. Sie buchstabirte alle Inschriften, und die Mutter freute sich, daß ihr Kind so gut lesen konnte, denn sie konnte es selbst nicht. Paula kam nun an ein Grab und las den Namen „Melanie" darauf; es war aber nicht unsre Melanie,

