68
dein trauriges Schicksal, sondern auch — mache dich gefaßt, mein Freund, eine traurige Nachricht zu vernehmen — weil dein älterer Bruder vor etwa vier Monaten gestorben ist?'
„Mein Bruders" rief Ferdinand bestürzt. „Todt? Und wie geschah dies?"
„Er stürzte auf der Jagd mit dem Pferde und erhielt dabei eine so gefährliche Verletzung, daß er zwei Stunden darauf todt war. Nun, laß dir's nicht allzusehr zu Herzen gehen, mein Lieber I Wie du mir erzähltest, war dir ja dein Bruder nie besonders in Güte und Liebe zugethan, und sein Tod macht dich nebenbei zum Erben seiner Besitzungen, also zu einem reichen Manne!"
„Er liebte mich nicht, wie ein Bruder wohl sollte," er- ividerle Ferdinand schmerzlich, „aber er war doch immer mein Bruder I Arme Mutter, was mußt du leiden! O, wie bereue ich, dir jemals Kummer zugefügt zu haben! Aber, Gott sei Dank, bald werde ich nun Gelegenheit haben, ihr zu vergelten und ihr alle die Liebe zu beweisen, die ich in meinem Herzen für sie empfinde, immer empfunden habe. Eile, Armand, um mir Geld und Pässe zu besorgen. Alle Auslagen sollen dir reichlich ersetzt werden, sobald ich nach England gelange, denn der Tod meines Bruders hat mich allerdings zu einem reichen Manne gemacht. Zögere nicht, Lieber, denn du kannst dir wohl denken, daß der Loden Frankreichs mir unter den Füßen brennt."
Armand eilte davon, nachdem er Ferdinand nochmals gebeten hatte, sich ruhig im Zimmer zu halten und unter keiner Bedingung sich am Fenster zu zeigen, bis er zurückgekehrt wäre. Dann eilte er hinweg und ließ Ferdinand mit seinen Gedanken und Empfindungen allein.
Eine Stunde, noch eine, wiedereine verstrich — Arniand kehrte nicht zurück. Die Mittagsstunde nahte heran; Ferdinand, der in der ersten Frühe des Morgens aus dem Irrenhause entflohen war, empfand Langeweile und Hunger. Un-

