1. Wer stahl das Vogelnest?
Ziwitt! Ziwitt! — ruft's Vögelein,
Wer stahl das Nestchen mein?
So niedlich, so bequem und klein,
Das ich mit Fleiß gebauet fein?
Es waren wohl fünf Eier d'rein,
Die legte ich in's Nest hinein.
Die gute Henne sagt: Gluck! gluck!
Ich thu' kein solches Bubenstück.
Auch meinen Küchlein, zart und klein,
Fällt solche böse Tbat nicht ein.
Gar manche Feder gab ich hin, ft Die wob es sich in's Nest hinein,
Damit es weich und warm sollt' sein;
Glaubt nicht, daß ich die Diebin bin.
Ach, schrecklich, rief Mariechen Grahn;
Das hätt' ich sicher nicht gethan.
Wie kaun man doch so böse sein!
Das ist ja niedrig und gemein!
Und auch gar grausam ist's; — nicht wahr? So sprach die kleine Agnes Mahr.
Ob er es ernstlich wohl bedacht,
Wie traurig er das Vöglein macht?
Ein kleiner Knabe stand versteckt,
Vom Bettgehänge fast verdeckt.
Der senkte seinen kleinen Kopf,
So schämte sich der kleine Tropf;
Die Fröhlichkeit ihn ganz verläßt,
Denn er, er stahl das Vogelnest.
Die Unruh' hat ihn aufgeweckt;
Sieh', wie er ängstlich sich versteckt Und jeden Augenblick erschreckt,
Vor Furcht, daß man ihn doch entdeckt.
2. Blüthe und Frucht.
„Mutter!" sagte einst ein kleiner Knabe zu seiner Mutter, ibr ernst in's Gesicht blickend, „waS heißt das wohl: sein Her; Gott schenken?" „Lieber Karl", versetzte die Mutter, ihr Nähzeug weglegend, „kennst du wohl Jemand, den du liebst?" — „Dich habe ich lieb", antwortete Karl befremdet, „auch Vater und Schwesterchen und Heinrich habe ich lieb." •— „So schenkst du dein Herz Vater lind Schwesterchen und Heinrich und mir. Es heißt nichts anders, als uns lieb haben." Das Kind blickte freudig auf, wie wenn ihm ein neuer Gedanke durch die Seele ginge. „Und du sollst Gott am meisten lieben, weil Gott dir deinen Vater, Mutter, Geschwister und Alles gegeben hat. Ja, er hat dir seinen liebsten Sohn Jesum Christum geschenkt, für dich zu sterben und dich zum Erben Gottes zu machen." „Ich möchte auch gern mein Herz Gott schenken, Mutter, wie soll ich es anfangen?" Seine Mutter lehrte ibn darauf ein kleines Gebet, und jetzt kniete das Kind nieder, faltete seine Händchen, und betete auf eine so herzliche Weise, daß die Mutter fühlte, wie durch den Mund der Kinder und Säuglinge Gott wohlgefällig angebetet werden könne. Das Kind war erst drei Jahre alt. Von dieser Stunde an, erzählte die Mutter, glaube ich, ist Karl ein Kind Gottes geworden. Seine Jugendzeit täuschte sie nicht in ihren Hoffnungen. Er trachtete stets Jesu nachzufolgen. Karl ist jetzt ein Mann und zwar einer der besten Menschen, und ' er bekennt, eine der besten Mütter gehabt zu haben.
3. Das verlorene Kind.
Ein kleines Kind wurde vermißt. Die ganze Nachbarschaft war mit Suchen beschäftigt. Die frommen Eltern waren äußerst betrübt. Die Nacht brach berein, im benachbarten Walde gab es Tiger, Bären und Wölfe; es wurde in jedem Winkel gesucht. Die Eltern weinten, beteten und kamen fast von

