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Unlängst führte ein solcher Fleischer in Wien ein paar Pferde, darunter ein lahmes, in die Schlachtbank. Mehrere Knaben, die daneben hergingen, bedauerten die armen Thiere, besonders erregte das lahme Pferd das Mitleid der Kinder im höchsten Maße.
Der Fleischer, ein verständiger, guter Mann, hörte ihrem Gespräch lange zu; dann aber sagte er: „Kinderchen, da Ihr so weichherzig seid, so will ich Euch das Schicksal dieses Rosses mittheilen, das ich durch einen Zufall schon lange kenne und deshalb selbst nicht ohne Mitleid zu seinem Tode führen kann. Es war in seiner Jugend ein Wunder von Schönheit und Kraft, so schön, daß es für den Kaiser gekauft und zugeritten wurde, der es sehr liebte und fast allein benützte. Aber als seine Schönheit abnahm, wurde es verkauft an einen Fiaker, in dessen Dienst es nach und nach immer mehr herunterkam. Endlich gab es auch dieser weg, und das arme Thier gerieth in die Hände eines Kärrners, der es zum Steinfahren benützte, schlecht hielt und fütterte, bis es endlich gestern so lahm wurde, daß er es an mich verkaufte."
„Ach, du armes gutes Thier!" riefen die Knaben wehniüthig, „wie traurig mußt du enden nach einer so stolzen und lieblichen Jugend!"
„Eure Klage ist gerecht, Kinder!" sagte der Fleischer; „aber nehmt Euch am Schicksal dieses Thieres eine Lehre. Ihr seid jung! Benützet diese schönste Zeit Eures Lebens recht weise, damit Ihr Euch ein gutes Alter bereitet. Denn derjenige Mensch, welcher die Jugend nur im Genuß der Freude ohne ernstes Lernen verstreichen lässet, geht einem Schicksal im Alter entgegen, das von dem dieses armen Thieres nicht sehr verschieden ist!"
43. Werfet nicht mit Steinen.
Thomas ging eines Tages aus der Schule nach Hause und wurde von einem andern Knaben mit einem Steine an den Kopf geworfen und hart verletzt. Heftig schreiend eilte er nach Hause, wo seine
Mutter einige Mittel anwandte, seine Schmerzen zu lindern; es wurde aber dessen ungeachtet immer schlimmer und schlimmer, daß der arme Knabe nach langen, fürchterlichen Schmerzen endlich starb. Glaubt ihr nicht, Kinder, daß der Knabe, der den Thomas mit dem Steine warf, während seines ganzen Lebens sich Vorwürfe gemacht haben muß, daß er ein Mörder sei? O Kinder, werfet nicht mit Steinen! Wenn der Stein aus euren Händen ist, könnt ihr ihn nicht mehr regieren, und wißt nicht, welchen Schaden er anrichtet — ob er nicht selbst Jemand tödtet! Welch ein Verbrechen wäre das und müßte euch stets quälen und martern. '
Thomas fürchtete sich Anfangs zu sterben, weil er wußte, daß er ein Sünder war. Aber seine Eltern ermähnten ihn, zum Heiland zu beten, der gerne die Sünde vergebe und die Sünder ewig selig mache. Da fing er an zu flehen um die Vergebung seiner Sünden, so lange, bis er in seinem Herzen überzeugt war, daß der Heiland auch für ihn gestorben, und daß das Blut Jesu Christi uns reinige von aller Sünde. — Run freute er sich auf seinen Tod und war bereit, abzuscheiden, um bald bei Christo zu sein, welches er für besser hielt, als lange zu leben auf Erden.
44. Das Glas Wasser.
Es waren bereits 13 Jahre seit meiner Mutter Tode verflossen, als ich wieder an ihrem Grabhügel stand, und die mannigfaltigsten Ereignisse hatten die Erinnerung an das Lächeln meiner Mutter, und wie oft sie mich in der Fülle mütterlicher Liebe küßte, nicht verwischt. Mir war, als hätte ich sie gestern noch gesehen. Aber eine bittere Erinnerung mischte sich darein, und ich erzähle es, damit Kinder, welche noch Eltern haben, dadurch lernen, sie so zu schätzen, wie sie sollten.
Meine Mutter war krank und ich hatte mich an die Blässe ihres Gesichts so gewöhnt, daß ich mich nicht beunruhigte. Eines Tages, als ich meinen Platz in der Schule verloren, kam ich niedergeschlagen

