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85. Der furchtsame Nikolas.
Nikolas hörte nichts auf der Welt lieber, als wenn die Knechte und Mägde mit den Taglöhnern von Gespenstern und dergleichen Spuck redeten. An solchen Winterabenden war er vor lauter Neugicrde, aber auch vor Furcht, nicht ins Bett zu bringen. Der Vater zankte oft über das alberne Geschwätz der Leute in Gegenwart der Kinder; aber es gelang ihm nicht, es abzustellen, und Nikolas ward durch seine Sucht nach Gespenstergeschichten endlich ein solcher Hasenfuß, daß er sich bei helllichtcm Tage auf offener Straße fürchtete. Er war schon zehn Jahre alt; seine Geschwister und Kameraden, welche seine Schwäche kannten, verlachten ihn darüber gar oft und hielten ihn zum Besten. Einst hatte einer der Knechte bei den Bienenstöcken im Garten zu thun gehabt und das Netz übergeworfen, um nicht gestochen zu werden. Es war Morgens 11 Uhr an einem freundlichen Sommcrtage. Als nun der Knecht wieder nach dem Hause ging, begegnete ihm zufällig Nikolas in einem Baumgang. Den Knecht in feinem lächerlichen Aufzug erblickend, begann der furchtsame Junge ein solches Zetergeschrei, daß Alles zusammenlief. Zum Unstern aber waren noch eine Menge fremde Kinder in der Nähe. Alles umstand Nikolas mit unauslöschlichem Gelächter. Wie mußte er sich schämen!
86. Kinder, leset die Bibel.
Da sitzen zwei Kinder; ein Buch liegt aufgeschlagen vor ihnen, sie lesen darin, — es ist die Bibel. Jesus sagt Luc. 11, 34: „Das Auge ist des Leibes Leuchte." Ja, wenn wir nicht sehen könnten, wie finster wäre es um uns!
Aber nun muß ich an die Tausende denken, welche blind sind, für welche die sichtbare Schönheit des Himmels und der Erde nicht vorhanden ist, die nicht die köstlichen, trostreichen Sprüche der Bibel lesen können, — wie traurig und elend mögen sie sein! — Das ging einem edlen Manne, Namens
Hauy, zu Herzen; er sann und sann, wie man es anfangen müsse, die armen Blinden das Lesen zu lehren. Da tzab es ihm Gott ins Herz: er ließ Bibeln mit erhabenen Buchstaben drucken, die mit den Händen gefühlt werden konnten, und so lernten viele tausend Blinde lesen, indem sie mit den Fingern die Buchstaben betasteten und so mit Hülfe des Gefühls statt mit den Augen lasen.
Nun wurde einst ein armes Mädchen, das sich durch seiner Hände Arbeit ernährte, an den Augen schwer krank und endlich ganz blind. Eine Verwandte nahm sie in ihr Haus und war sehr liebreich gegen sie, — aber wie Vieles mußte die arme Maria entbehren! Doch das Schmerzlichste war ihr, daß sie nicht mehr im Worte Gottes lesen und sich neue Kraft und neues Leben daraus holen konnte. Vorlesen konnte sie es sich auch nicht lassen, denn dazu wollte Niemand im Hause Zeit haben. Eines Tages saß sie betrübt vor der Thür, da fragte sie ein vorbeireisender Prediger nach der Ursache ihrer Betrübniß; sie erzählte ihm hierauf von ihrer Blindheit und von der Sehnsucht, in der Bibel zu lesen. Da schenkte ihr der Prediger das Evangelium St. Lukas mit hervorstehenden Buchstaben, und sagte auch, wie sie es gebrauchen könnte; wer war froher als Maria! Sie ging gleich an die Arbeit, aber nach tagelangen Versuchen fand sie, daß ihre Finger von ihrer früheren schweren Beschäftigung steif geworden und mit einer so harten Haut überzogen waren, daß sie diese Buchstaben durch Fühlen nicht erkennen konnte. Traurig machte das arme Mädchen das Buch zu, sie war zuvor voll fröhlicher Hoffnung gewesen — nun war das Entsagen desto schwerer. „O Herr, du kannst mich dein seligmachcndes Wort auch auf eine andere Weise hören lassen," sagte sie weinend und küßte das liebe Buch. Da, indem ihre Lippen die Schrift berührten, fühlte sie, daß sie mit den weichen Lippen die Schrift fühlen und lesen könne. Wieder, und immer wieder probirte sie, und es gelang; nun las sie das theure Gotteswort täglich; es wurde in Wahrheit ihre Speise auf ihrer ! Himmelsreise. — Du aber, liebes Kind, dem der

