45

Herr ein paar gesunde Augen gegeben, liesest du fleißig in deiner Bibel?

87. Piiuktlichc Befolgung der Ordre.

Friedrich der Große bewohnte in ruhigen Zeiten das schöne Lustschloß Sanssouci in der Nähe von Berlin; hier erholte er sich von den Beschwerden der Regierungsgeschäste und Fcldzüge. Einst war er wieder in Sanssouci; er wollte recht ungestört sein und ertheilte dem Befehlshaber der Schloßwache die Ordre: die Wachen sollten Jeden arretiren, der im Schloßgartcn irgend einen Lärm verüben würde. Es waren aber unter den Soldaten viele junge Leute, welche den König noch nicht gesehen hatten. Ein solcher Gardist stand auf dem Posten gerade unter den Zimmern des Königs, und diesem war besonders streng eingeschärft, auf Ruhe zu halten. Plötzlich sah der Soldat einen Mann in einem un­scheinbaren Schlafrock, der eine Flöte trug und, unter einem Baum Platz nehmend, zu blasen begann.

St!" befahl der Soldat und trat dem Flöten­spieler näher,hier ist jedes Geräusch verboten."

Ich mache nicht Lärm, ich blase blos auf der Flöte!" sagte der Mann ruhig und fuhr zu blasen fort.

Still mit Eurer Musik oder ich arrctire Euch!" sagte der Soldat drohend, indem er an den Mann herantrat.

Dieser lächelte, blies aber dennoch fort.

Der Posten ergriff ihn nun, nahm ihm die Flöte und verschloß ihn im Schilderhaus.

Aber wie erschrack der Soldat, als er bei der Ablösung seinen Gefangenen übergeben wollte und erfuhr, derselbe sei der König. Doch Friedrich lächelte und sagte freundlich:Sei unbesorgt, mein Sohn, du sollst Unteroffizier sein, weil du so pünkt­lich Ordre parirst."

88. Vergebet, so wird euch vergeben!

Ich will ihr nicht vergeben, wenn ich auch hundert Jahre alt werde."Rede nicht so,

Jane, du weißt nicht, was du sagst." Nahe bei Jane's Hause wohnte Marie, die in demselben Alter war, wie Jane, und in dieselbe Schule ging. Sie waren die besten Freundinnen und selten eine ohne die andere. Aber Marie war nicht aufrichtig und hatte viele Fehler. Sie heuchelte oft große Liebe, lobte einen ins Gesicht, den sie hinter dem Rücken sehr tadelte. So handelte sie auch gegen Jane, bis diese es endlich erfuhr und Marien ihre Unredlichkeit vorhielt. Zuerst wollte diese leugnen, endlich sagte sie stolz:Meine Zunge ist mein; kann ich nicht sagen, was ich will?" Jane ging nun im Zorn weg und als sie nach Hause kam, sagte sie:Ich will ihr nimmer vergeben, und wenn ich hundert Jahre alt werde." Ihre Tante hörte es und hielt ihr vor, wie sündig der Zorn uick Haß sei. Jane ging in ihr Schlafkämmerlein, kniete nieder und betete, denn sie fühlte sich ganz unglücklich. Als sie aber zu der Bitte kam:Bergieb uns unsre Schuld, wie wir vergeben," stockte sie und dachte: Wie kann ich in meinem Zorir Gott um Vergebung bitten, wo ich nicht vergeben will ? Es fielen ihr des Heilands Worte ein: Wenn ihr euern Beleidigern nicht ver­gebet, so wird euch mein Vater eure Sünden auch nicht vergeben. Sie staäd auf, setzte sich und dachte nach, ob sie nicht eine Entschuldigung für Mariens Betragen fünde, um ihr vergeben zu können. Aber sie'fand keine. Was soll ich thun? fragte sie, ich muß vergeben und kann nicht. Sie dachte näher i über das Wort Christi nach:So wie Gott euch j umChristi willen vergeben hat." Sie dachte daran, wie nothwendig es sei, daß auch ihr vergeben werde. Endlich fühlte sie sich überwunden von der Liebe Jesu, fiel nieder auf ihre Kniee und konnte der Marie von Herzen vergeben und für sie beten. Den nächsten Morgen stand sie mit ruhigem, heiterem Gemüthe auf, und sie konnte nun an Mariens Be­leidigung, obgleich sie dieselbe noch tief fühlte, doch mit vergebendem, versöhnlichem Herzen denken.