209

Auf diesem Platze also befand sich Heinrich Stilling und betete im Herzen zu Gott um Errettung von der großen Besorgniß. Da begegnete ihm ein Kaufmann aus Schönenthal, mit dem er schon seit längerer Zeit bekannt und befreundet war und der ihn nun nach kurzem Gespräche zum Abendessen in seine Wohnung einlud.

Nach dem Essen fing der Kaufmann (Stilling hat ihn in seinen SchriftenHerr Liebmann" genannt) an:Sagen Sie mir doch, mein Freund, woher nehmen Sie das Geld zum Studircn?"

Stilling lächelte und antwortete:Ich habe einen reichen Vater im Himmel, der wird für mich sorgen!"

Liebmann sah ihn an und cntgegnctc:Wie viel Geld haben Sie denn noch?"

Stilling versetzte:Einen Thaler und daö ist Alles."

Liebmann fuhr fort:So! Sehen Sie, ich bin Ihres himm­lischen Vaters Zahlmeister, ich werde daher jetzt einmal den Beutel für Sie öffnen." Nach diesen Worten zählte er Stillingcn drei und dreißig Thaler hin und setzte hinzu:Nehmen Sie das, Freund! mehr kann ich jetzt nicht entbehren; Sie werden aber überall Hülfe finden. Können Sie mir das Geld dermaleinst wiedergeben: gut! wenn nicht: auch gut!"

Stilling war aufs Innigste gerührt und nahm mit dem herz­lichsten Danke das Geld an, das er später, wo er sich in viel besseren Umständen befand, reichlich zurückerstattet hat.

Die Reisenden kamen glücklich in Straßburg an. Nachdem Beide sofort ihre Ankunft nach Hause gemeldet hatrcn, kannte Stilling kein größeres Verlangen, als den herrlichen Münster zu sehen. An dem Anblicke dieses Meisterwerks der Baukunst ergötzte er sich so, daß er ausrief:Diesen Bau zu sehen, ist allein eine Reise werth; gut, daß ein Deutscher ihn erdacht und ausgeführt hat!"

Straßburg war zu Stillings Zeit noch eine deutsche Reichsstadt,

Lichtbilder. I. ] 4