57
kämmte sie ihr schönes, lockiges Haar, da schmückte sie sich mit Gold und Edelgestein, und zog ihr wunderschönes, himmelblaues Kleid an. Dann stellte sie sich vor ihren Spiegel, freute sich wie ein Kind über ihre eigene Schönheit, mischte Blumen und Diamanten in ihr Haar, und die Zeit verging ihr dabei so schnell, daß sie gar nicht wußte, wo der Tag geblieben war, als endlich die Nacht hereindunkelte. Oft wiederholte sie dies unschuldige Spiel auch im Freien draußen, und bedauerte dabei Nichts, als daß sie keine Zuschauer weiter hatte, als nur ihre Schafe und Truthühner, die sie auch ohne den herrlichen Schmuck lieb hatten.
An einen: Festtage, als Eselshaut — so wurde die Prinzessin immer genannt — eben ihr sonnenfarbi- ges Kleid angelegt hatte, begab es sich, daß der Sohn des Königs, ermüdet von der Jagd, in der Meierei einsprach und von der Meierin eine Erfrischung verlangte. Der Prinz war jung, schön und von seinen Eltern, wie vom ganzen Volke, herzlich geliebt. Als er sich durch ein wenig Speise und Trank gestärkt hatte, spazierte er auf der Meierei umher, und gelangte an einen finstern Gang, an dessen Ende er eine verschlossene Thüre bemerkte. Er ging darauf zu, und da er ein wenig neugierig war, bückte er sich und schaute durch das Schlüsselloch. Wie erstaunte er aber, als er in dem kleinen Gemache eine wunderschöne und über alle Maßen prachtvoll gekleidete junge Dame erblickte. Es drängte ihn, an die Thüre zu klopfen und Einlaß zu begehren, und gewiß würde er seinem Gefühle gefolgt sein, wenn ihm nicht die Holdseligkeit der schönen Jungfrau unwillkürlich eine gewisse Furcht eingeflößt hätte.

