Lügenhempel. — Wie Einer dringend »n, eine Ohrfeige bittet.
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Hierauf bettet Philipp den Waldmann auf die Ofenbank, reckt ihn zu und macht ein mörderisches Feuer in den Ofen, um eben die befohlene Wärme zu erzeugen. Aber denkt, Kinder, was geschieht! Mit einem Male thut es einen Krach, daß Philipp nicht anders meint, das ganze Schloß fliege in die Luft. So schlimm ist's indeß nicht geworden. Aber der Ofen ist eingestürzt, der Spiegel zerschmettert und alle Fensterscheiben sind zerknallt. Und von dem kranken Waldmann — ist kein Haar mehr zu sehen. Wo ist er hin'? — Das kann sich der erschrockene Philipp nicht erklären. Er steht dort und weiß nicht, ist er verrathe» oder verkauft.
Schon in den nächsten Minuten aber löst sich daö Räthsel. Da tritt nämlich der Graf ganz entrüstet herein und trägt Waldmanns Kopf in der Hand und die Frau Gräfin tritt auch herein und hat eine Pfote von dem Waldmann in einer porzellanenen Schale.
„Heidenbombensakerwunsky 1" flucht der Graf. „Was ist geschehen? Fliegt da plötzlich des Waldmanns Kopf
„Ach, lassen Sie mich los!" versetzte dieser mit kläglich bittender Stimme. „Ich will's gewiß nicht wieder thun!"
„Ja, ja, loslassen! Auf die Polizei will ich Dich führen! Jn's Hundeloch sollst Du gesperrt werden!" schrie der entrüstete Handelsmann. „Acht Tage bei Wasser und Brod sollst Du sitzen müssen!"
„Um Gottes willen, guter Herr, thun Sie das nicht an mir! Ich will Jbnen mein ganzes Geld geben, was ich bei mir habe, für die Haarbürste, lassen Sie mich nur nach Hause gehen! Ich thue es wahrhaftig in meinem Leben nicht wieder!"
„Ach was! Dein Geld mag ich nicht. Aber ich kann nur auch nicht gut lange von meiner Bude fort. Wenn nur gleich ein Polizeier käme, der Dich mitnähme."
Jetzt fiel der wie mit Todesangst kämpfende junge Mensch vor dem Handelsmanne auf die Kniee und flehte mit heißen Thränen: „Ach guter, guter, lieber Herr! Lassen Sie mich nur das eine Mal los! Ach Gott, was würde mein Pater sagen, wenn ich in's Gefängniß gesperrt würde! Ich ver
drüben in meinem Frühstückszimmer zum Fenster herein und spreche es Ihnen mit der Hand, daß ich'S gewiß nicht wieder
mir gerade auf den Austernteller!'
„Und mir," fügt die Frau Gräfin wüthend und mit zittern-
ten vurch's Fenster und reißt mir die ganze Haarfrisur ein."
Der an Händen und Füßen bebende Philipp muß nun sogleich Alles erzählen, was er für eine Kur mit dem Hunde vorgenommen hat. Und daraus erklärt sich denn nun das gräßliche Unglück. Dem Waldmann nämlich ist an dem glühenden Ofen auch innerlich so heiß geworden, daß sich das Schießpnlver entzündet, explodirt und den armen Kerl in tausend Stücke zerrissen hat.
Wie Einer dringend um eine Ohrfeige bittet.
Es war Jahrmarkt. Auf reu schmalen Gassen, welche die Buden bildeten, wogten die Käufer aus und ab. Da auf einmal saußte ein junger, etwa fünfzehn Jahr alter Mensch, vom Lande, die Gasse dahin, dem und icnem und der und jener eine» Rippenstoß versetzend, um nur das Freie zu gewinnen. Hinter ihm her aber erschollen Stimmen: „Ein Dieb! Ein Spitzbube! Hall auf! Halt auf! Fangt ihn!"
Bald auch war der junge Dieb gefangen und festgehalten, aber nicht von Polizeiern, sondern von Privatleuten. Sogleich eilte der bestohlene Handelsmann herbei und packle den Dieb fest am Rockkragen. Der junge Mensch sah blaß aus vor Schreck, wie eine Leiche. Seine Hände zitterten, seine Kniee schlotterten. Sein Anblick erregte fast Mitleid. Man sah ihm deutlich an, daß es sein erster Bersuch gewesen war, lange Finger zu machen.
„Was hat er denn gestohlen?" hieß es ringsum.
„Eine Haarbürste mit Spiegel hat er mir mitgenommen," gab der Handelsmann zur Antwort. Darauf aber schüttelte er, ziemlich aufgebracht, den Menschen tüchtig und sagte: „Was soll ich nun mit Dir, Kerl, machen?"
thue!"
Da nun der arme Bursche gar so jämmerlich bat und
der Stimme hinzu, „saust die Pfote von dem Waldmann mit-^ flehte und weinte und schluchzte, rührte das einen nahe
stehenden, ältlichen Herrn. „I, wissen Sie was," sagte er zu dem Handelsmanne, „geben Sie dem Burschen ein Paar Ohrfeigen, damit er daran denkt und lassen Sie ihn für dießmal laufen. Ich glaube, der maust in seinem Leben nicht wieder."
Als der junge Dieb diese Worte hörte, faßte er plötzlich den Handelsmann krampfhaft bei der Hand und sagte: „Ach ja, guter Herr, ach ja! Geben Sie mir ein Paar Ohrfeigen und dann lassen Sie mich los! Ja?"
Da aber der Handelsmann dazu keine Anstalten traf, sondern sich immer noch umsah, als suche er einen Polizeier, bat Jener noch flehendlicher, ja, man könnte sagen, mit herzzerreißender Stimme: „Machen Sie, lieber, lieber Herr! Thun Sie das! Geben Sie mir doch ein Paar Ohrfeigen! Sie können mir ein Paar ganz tüchtige geben! Lassen Sie mich nur wieder gehen. Ach bitte, bitte, geben Sie mir ein Paar Ohrfeigen!"
Was aber war der Ausgang? — Der jetzt ruhiger gewordene Handelsmann schien endlich selbst vom Mitleid ergriffen zu werden und sich zu überzeugen, daß der Bursche heute wohl seinen ersten Diebstahl begangen habe und daß er es wohl nie wieder versuchen werde. Deshalb schenkte er ihm die Freiheit, gab ihm auch die heißerbetenen Ohrfeigen nicht, wohl'aber die Ermahnung, sich diesen Vorfall eine Warnung für sein ganzes Leben sein zu lassen.
Wer war froher, als der junge Mensch! Der Handelsmann aber hatte sich den Dank aller Umstehenden verdient. Alle sagten: „Das war hübsch von dem Manne, daß er'S nicht auf's Aeußerste trieb. Man sah, daß er ein Herz im Leibe hatte."

