Die kleine Karoline hatte ein allerliebstes Kanarien- vögelchen. Das Thierchen sang vom frühen Morgen bis an den Abend und war sehr schön, goldgelb mit schwär» zem Häubchen. Karoline aber gab ihm Essen, Samen und kühlendes Kraut, auch zuweilen ein Stückchen Zucker und täglich frisches, klares Wasser.
Aber plötzlich begann das Vögelchen zu trauern, und eines Morgens, als Karoline ihm Wasser bringen wollte, lag es todt im Käsig.
Da erhob die Kleine ein lautes Wehklagen um das geliebte Thierchen und weinte sehr. Die Mutter aber ging hin und kaufte ein anderes, das noch schöner war an Farben und eben so lieblich sang, als jenes, und that es in den Käfig. Allein das Mägdlein weinte noch lauter, als es das neue Vöglein sah. Da wunderte sich die Mutter sehr und sprach: „Mein liebes Kind, warum weinst du noch und bist so sehr betrübt? Deine Thränen werden das gestorbene Vögelchen nicht in's Leben rufen, und hier hast du ja ein anderes, das nicht schlechter ist, denn jenes!"
84 E Das Kanarienvogel chen.

