138 Schwestrriiebr.
Kaum halt' ich noch den raschen Fuß zurücke.
Fern winkt es mir mit sanftem Silberstrahl! —
Hinab, hinab znr heimathlichen Quelle,
Wo tief die Schwester wohnt in klarer Welle! —
„„Schon hatte sie die Mauer kühn erstiegen.
Schon sah ich weit das flatternde Gewand,
Der Locken Gold im Spiel der Lüfte fliegen; —
So stand sie da — hoch auf der Mauer Rand!
Die Hoffnung strahlte hell aus ihren Zügen,
Und tief hinunter war ihr Blick gewandt,
Als wolle sie im fernen Grün der Buchen Die stille Grotte der Geliebten suchen.
„„Da hob sie wie zum leichten Schwung die Glieder, Und sieh', schon war der kühne Sprung gewagt.
Sanft sank sie an der hohen Mauer nieder.
An deren Höhe bald ihr Muth verzagt.
So schwingt die zarte Taube ihr Gefieder,
Wenn sie der Aar aus stillem Nest versagt;
Es wachsen ihr im kühnen Schwung die Flügel,
Und mnthig flicht sie über Thal und Hügel.
„„Auf einmal scholl hoch von des Schloffcs Zinnen, Dem fernen Donner gleich, des Grafen Wort:
„Ha, Frevlerin, Du wagst mir zu entrinnen? — Versuch' es nur und schreite weiter fort!
Wohl nimmer wirst Du jenes Thal gewinnen.
Denn Zauber fcffclt Dich an diesen Ort! —
Eh noch der Tag sich neigt in Dämm'runzsschaucr, Klagst Du als Blume einsam an der Mauer!

