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Tyll Eulenspiegels Geburt und Taufe.
Juls Avar einst in einer niedersächsischen waldigen Gegend ein Dorf, welches Knetlin gen genannt ward, daselbst wurde das seltsame Kind Eulenspiegel geboren. Sein Vater hiess Claus Eulenspiegel, und dieMutter Anna Weibekin. Als das Kind geboren war, schickten sie es nach Amtleben zur heiligen Taufe. (Bei Amtleben Avar sonst ein altes Schloss, welches auch so genannt wurde, das aber von den Magdeburgern und anderen Nachbarn als ein Raubnest im Kriege zerstört worden ist.) Bei dieser Taufe erhielt das Kind den Namen Tyll Eulenspiegel. Als nun die Taufhandlung verrichtet war, begab sich die Wehmutter mit den Taufzeugen in das Bierhaus, um nach damaligem Gebrauche, erst auf des Vaters, der Mutter und des Kindes Gesundheit und Wohlsein sich gütlich zu thun, damit sie es bei der gerade Statt findenden Hitze auf ihrem Wege nach Hause aushalten könnten. Hier hatte aber die Wehmutter, als auch die Gevattern etwas zu tief in das Glas geguckt, Avie man zu sagen pflegt. Nun mussten diese ziemlich berauschten Leute auf einem schmalen Stege über einen etwas tiefen Bach gehen: Siehe, da war der Wehemutter der Kopf schwerer als der ganze Leib, und sie fiel mit dem jungen Weltbürger in’s Wasser und besudelte sich mit Schlamm. Doch Aveil Unkraut nicht leicht verdirbt, so geschah auch diesem Kinde kein Leid. IIier\on sagten die Leute damals, dass Eulenspiegel als Kind dreimal getauft sei, erstens in der Kirche, zAveitens im Wirthshause, und drittens im Bache. Dies war eine Vorbedeutung zu Tyll Eulenspiegels schalkhaften Lebensbegebenheiten.
Eulenspiegel macht als Knabe schon solche ärgerliche Possen, dass viele Leute sich über ihn beklagen.
jUbls nun Eulenspiegcl emporwuchs, zeigte er mit seinen zunehmenden Jahren, Avas für ein Häkchen aus ihm Averden wollte. Er tummelte sich mit andern Kindern häufig auf dem Grase herum, und je toller es dabei zuging, desto lieber war es dem losen Knaben. Es verging beinahe kein Tag, wo er nicht Schelmereien ausübte, und sein Vater wurde täglich mit Klagen über seinen bösen Knaben überhäuft. Der Vater strafte ihn auch deswegen mit Worten hart, allein diese liess er zu einem Ohre hinein und zum andern wieder heraus. Schon als er vier Jahre alt war, zeigte er, dass in ihm ein Sinn für Schelmstreiche wohnte. Sein Vater ritt einmal aus, und nahm ihn hinter sich aufs Pferd, gebot ihm aber, ja ruhig zu sitzen, damit keine Klage über ihn entstehe, sonst Avürde er ihm mit dem Stocke bestrafen. Eulenspiegel kehrte sich indessen Avenig an die Drohung seines Vaters, sondern hob ganz behende, ohne dass sein Vater etAvas davon merkte, das Hemd vom Hintern auf und liess die Leute in einen neuen Spiegel gucken. — Pfui! riefen die Leute, die das sahen, pfui du kleiner boshafter Schalk! Avas wird aus dir kleinem Buben noch für ein grosser Bösewicht Averden! — Aber der Vater wusste nicht, Avas er zu dem Schelten der Leute sagen sollte, da sie sein Söhnchen einen schalkhaften Buben nannten. — Höre, lieber Vater, sprach der kleine Schalk, Avie die Leute auf mich schelten, du siehst doch, dass ich stillschweigend hier hinter dir sitze, und Niemanden etAvas Arges thue, und doch sprechen die Leute, ich sei ein böser Schalk. Der Vater besann sich nicht
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