1
21
„Nun. ich glaubte wirklich, ich würde Dich heute gar nicht mehr sehen", rief ihr Frau von Reichenbach entgegen, die eben ihre elegante Toilette beendet hatte.
„Ich war so ermüdet von der gestrigen Fahrt," erwiderte ihre Nichte lächelnd; „aber was versäume ich hier denn auch, liebe Tante? "
„O, sehr viel!" entgegnete diese schnell, „wir werden nun bald ausfahren, um Visiten zu machen, damit ich doch wieder meine früheren Bekanntschaften anknüpfen und Dich ihnen vorstellen kann."
Rosa seufzte. Wie zuwider war ihr das Vifiten- machen; aber der Tante gegenüber war jeder Widerspruch unmöglich, und Rosa mußte sich fügen, so ungern sie es that. So rollte sie denn bald an der Seite der Tante durch die Straßen derStadt und schaute aus der prächtigen Karosse auf das Leben und Treiben der Menschen herab. Die erste Dame, die sie besuchten, war die Baronin von Lindau, eine äußerst lebhafte, sehr liebenswürdige und fein gebildete Frau. Sie empfing Frau von Reichenbach sehr herzlich und widmete deren Nichte große Aufmerksamkeit.
„Wollen Sie mich nicht heute Abend mit Ihrem Besuch beehren?" fragte sie freundlich. „Ich habe hier alle Mittwoch ein kleines Lesekränzchen von jungen Leuten versammelt; nach dem Lesen wird gewöhnlich der übrige Theil des Abends dem Tanze, der Darstellung lebender Bilder und anderer Unterhaltung gewidmet." Aber Frau von
4
■ 5 .

