22
Reichenbach lehnte diese Einladung ab, indem sie sich mit den Geschäften, die der gegenwärtige Zustand ihres eigenen Hauswesens ihr auferlegte, entschuldigte. Als sich beide verabschiedeten, sagte Frau von Lindau, indem sie Rosas kleine Hand erfaßte: „Nicht wahr, Sie besuchen mich recht bald wieder mein Fräulein? Man fühlt sich so wohl in Ihrer Nähe."
Rosa lächelte und versprach es.
Dann fuhren sie zu der Generalin von Grünheim und ihrer Tochter. Die erstere war eine nicht mehr junge, jedoch noch äußerst eitele und affectirte Frau, und Therese, ihre Tochter, welche sich immer für sehr nervenschwach hielt, dabei aber nie aus einem Balle oder in der Oper fehlen durfte, hatte ganz das Wesen der Mutter angenommen. Sie behandelte Rosa mit vornehmer Herablassung und während ihre Mutter sich mit Frau von Reichenbach unter- hielt, hatte sie ein Gespräch mit deren Nichte angeknüpft.
„Nun wie gefällt es Ihnen in der Stadt, liebes Fräulein V‘ fragte sie, indem sie ihre Locken ordnete.
„Ich kenne sie noch zu wenig," antwortete sie bescheiden, um jetzt schon darüber urtheilen zu können; gewiß wird es mir in der Folge recht gut gefallen/''
„Je le erois bien," erwiderte Therese, ironisch lächelnd; „Sie müssen sich ja hier, nachdem Sie die kleine Stadt verlassen haben, in den Himmel versetzt glauben."
„O das Städtchen ist ganz reizend gelegen, der Auf-

