11

Geist der Gesetze.

Mißtrauen, und wo möglich, seine Vorsicht weit größer seyn, als in dem Zustande, wo Alle für Einen und Einer für Alle stehen. Wenn schon in der Sphäre des gesellschaftlichen Schutzes der Mensch noch in der Gesellschaft so viel Vorsichts­maßregeln anwendet, um seine Person und sein Eigenthum in Sicherheit zu bringen, so läßt sich um so mehr dasselbe von ihm, in einem weit hö­her» Grade, in dem sogenannten Natur-Zustande voraussetzen.

Im sogenannten Stande der Natur ist die Ungleichheit, ja die größte Ungleichheit, zu Hause, und also ewiger Krieg; denn in einem solchen würde nur gelten die physische Kraft, die Ueberlegenheit des Verstandes und die Macht der Bedürfnisse. In der Familien-Gesellschaft fängt die Gleichheit schon an, sich zu zeigen. Dort, in der Schule der Bildung, neben der zwingenden Gewalt des Haus­vaters, erhebt, entwickelt und entfaltet sich das moralische Gesetz; dort lernt man wechselseitige Rechte und Psiichten achten, weil ohne diese Ach­tung die Gesellschaft nicht bestehen würde; dort sind die Bedürfnisse weniger dringend und leichter zu befriedigen; dort wird die Ueberlegenheit schon weniger fühlbar, weil, um das Uebergewicht des Einzelnen zu schwächen, Mehrere zusammen treten können. Doch nur wenn die gesellschaftliche Ordnung das ist, was sie seyn soll, bringt sie erst die wahre