SS. Gebet nach dem Aboda-Ritus vor den ׳ Selichoth *).
Allmächtiger! Gott Israels! ׳Mit tiefgerührtem Her- zen gedenken wir an diesem heiligen Tage, in dieser feierlichen Mittagsstunde jenes hochherrlichen Dienstes einst-zu Jerusalem, als die göttliche Wohnung noch auf ihrem Grunde stand, und das Heiliglhum auf seinem sichern Orte, und der Hohepriester den Dienst verrichtete, und sein Geschlecht es sah und sich sreucte.
Ach, unsere Seele hat wohl ein Recht zu trauern, wenn sie von jener entschwundenen Herrlichkeit reden hört. Denn was hat Las arme Israel erfahren und erduldet, seitdem es keinen hohen Priester hat und keinen Dienst der Leviten; seitdem es Gott um seiner Sunden halber von seinem Wohnsitze vertrieben hat, wie der Vater, der sein widerspenstig Kind verstößt.
Seitdem sind die Leiden mächtig über Israel heran gewachsen, und die Drangsale über seinem Haupte zusammengeschlagen. Nach Hilfe schmachteten sie, und. sie blieb aus, nach Frieden, und es ^kam Aergerniß. Ihre Kraft vergieng vor Schrecken, ohne Erfolg wurde sie vergeudet. Das Haus ihres Vaters war verwüstet, und die Kinder giengen in die Irre, Von einem Ende der Welt wur- den sie gejagt zum anderen, und nirgends fanden sie eine Ruhe- statte. ' ,
Seit jener Zeit, da ist der Jammer nicht aufzuzahlcn, neues Unglück brachte jeder Tag. Das Entsetzen wuchs hoch empor, und das Glück wurde gebeugt in den Staub. Ach, und die Armen waren, wie Verirrte, die Niemand suchen, wie Gefangene, die Niemand aufrichten, wie Hungrige, die Niemand speisen, wie
*) Der herrlichste und feierlichste Dienst im Tempel war der Dienst. am Versöhnungstage, an dem Tage, da der hohe Priester das Allerheiligste' betrat und das Volk mit Gott aussöhnte. Noch jetzt sind die Gebete, eingesetzt zur Erinnerung an jene hohe Feier, die rührendsten des Versöhnungstages. Das Volk gedenkt da seiner früheren Herrlichkeit mit Wehmuth, seines späteren Verfalles mit Schmerz, seiner einstigen Wiederaufrichtung mit Hoffnung. Warum nun sollten diese eindringlichen Gefühlte dem Volke nicht in seiner jetzigen Muttersprache nahe gelegt werden? Wir haben es versucht, und dabei zur Grundlage die hebr. Ge- bete am Ende des Aboda-Ritus genommen. Das Gebet spricht der Rabbiner, oder wer es sonst geeignet übernimmt, nachdem der Vorbeter mit * וחעגמחם בבי!־ geschloffen hat.

