VI« Station.

Veronika reicht Jesus das Schweißtuch.

Schmählich wird Sein Antlitz sein unter den Männern und Seine Gestalt unter den Menschenkindern." Js. 52, 14.

Selig ist, wer sich an Mir nicht ärgert." Matth. 11, 6.

Durch Simons Mithülfe ist zwar daö Krenztragen dem Herrn erleichtert, doch noch immer liegt der größere Thcil der Last auf Ihm, und mühevoll schleppt er sie weiter. Sein heiliges Angesicht trieft von Schweiß und Blut und ist überdicß durch die Spuren der eckelHaftesten Miß­handlungen entstellt, die Er schon im Kerker erlitten.

Welch' ein qualvoller Zustand! Welche Schmach in solcher Verunstaltung! Welch' eine Pein für den reinen Sohn der Jungfrau!Es ist keine Gestalt und keine Schöne an Ihm" so hat schon der Prophet cs gekündet,und wir verlangen Sein nicht, wir achten Seiner nicht." Js. 53.

Eine Frau jedoch macht eine ehrenvolle Ausnahme. Veronika, auch Berenice genannt, *) eine Tochter Israels hat den Heiland kaum erblickt, als sich auch schon das innigste, erbarmende Mitleid mit Ihm in ihren: Herzen regte. Niemand hilft Ihm, Niemand schafft Ihn: auch nur die Erleichterung, Sein Schweiß- und Bluttriefendes Angesicht zu trocknen.

Da ergreift sie ein reines Tuch, drängt sich mitten durch das Volksgcwühle zu Jesu hin und reicht es Ihm knieend; denn auch aus dieser tiefsten Verhüllung hervor erkennt sie Jcsum als den Erlöser, der in: Innersten ihres Herzens zu ihr die Worte spricht:Sieh auch um deinet­willen trage Ich Schmach, und decket Verunstaltung Mein Angesicht." Ps. 68, 8.

Und du hast recht gedacht, Tochter Sions!Selig bist du, daß du gegen Fleisch und Blut nach dem Lichte des Glaubens gehandelt. Denn siche! es ist wirklich dein Heiland und Sein Lohn ist bei Ihm." Jcs. 62, 11. Er hinterläßt dir als tbcurc Reliquie Sein Schmcrzcnsbild.

Welch' ein gemischtes Gefühl von Freude und Trauer mag da ibr Herz durchdrungen haben, als sie das Tuch entfaltete und den Abdruck der Züge des heiligen Angesichtes Jesu erblickte! Mit welcher Ehrfurcht wird sie es bewahrt, mit welcher Innigkeit wird sie cs lebenslang verehret haben!

Wohl will ein Vornehmer es ibr verweisen, daß sie ihr Mitleid an einen Unwürdigen ver­schwendet, den ihr ganzes Volk geächtet hat; sie aber hört die Stimme der Erbitterung nicht, sondern beharrt bei ihrem Liebcswcrke, und cbei: durch dieses bei den: Bekenntnisse ihres Glaubens an die Unschuld und an die stellvertretende Buße Jesu.

*) Nach Kath. Emmerich: Seraphia, daö Weib Eirach's, eines Mitgliedes aus dem Tempelrathe.