— 410 —
wogte das empörte Gefühl zu heftig, noch wurmte in ihr der Schmerz letzter Enttäuschung zu sehr, als daß es ihr nicht fast eine Luft gewesen wäre, neue Bitterkeit, Bitterkeit gegen sich selber in den Schmerz zu mengen, der ja so gern die Wunde in der eigenen Brust zerwühlt. War es nicht wie Hohn für sie, daß Lhdius gerechtfertigt dastehen mußte, während ihr Herz blutete,j weil Sextus sich von ihr gewendet?! — -
Eine Prüfung.
Wir lassen die nächsten Jahre rasch vorübergehen. Auletes starb und Cleopatra bestieg, als Verlobte ihres neunjährigen Bruders Ptolemäus XII., den Thron, in einem Alter von siebenzehn Jahren, also in der Periode, in welcher bei unseren Frauen der Frühling des Lebens die Knospe bricht und, wo das Herz erst neugierig und unerfahren, arglos in's Leben schaut. Ihre Natur war bereits im elften Jahre entwickelt gewesen, und zwar nicht allein durch den Ernst des Schicksals, das sie betroffen, sondern, wie ihr Biograph sagt, die körperliche und geistige Frühreife war natürlich bei einem Wesen, in welchem sich hellenisches Blut mit orientalischer Natur in einer Wellstadt, wie Alexandria, vereinte, die bereits auf dem Gipfel raffinirtester Uebercultur angelangt war und die ausschweifende Phantafiefülle des Orients mit der scharfen Verstandsbildung des modernen Hellenenthums in wunderbarster Mischung verbunden, aufzeigte.
Sie ergriff das Scepter mit der Lust, eine Königin zu sein,
^1 «i

