__58
ebenso wurden sie auch sogleich von ihrem Publicum begriffen. Die Gewohnheit spielt in der Musik eine große Rolle, wir müssen es zugeben. Sie dient den Unwissenden statt des Verstehens und sie ist in gewissen Fällen ein sichererer Führer als selbst das Verstehen, weil man mit Wahrheit sagen kann, daß Mozart heut' zu Tage von den Unwissenden besser verstanden wird als von den Gelehrten des vorigen Jahrhunderts.
Unter allen Fürsten in der Musik, von Josquin an bis auf Palestrina, hatte Mozart allein das Unglück mit seiner Epoche und seinen Richtern in fortwährendem Streite zu liegen. Dieses Unglück war sein Geschick, und dieses Geschick, welches den Menschen zu Boden drückte, führte den Künstler dahin, daß er Punkt für Punkt die Instructionen der Vorsehung ausführte, deren Inhalt wir zu Anfang dieses Capitels auseinander gesetzt haben.
Ein Umstand, den man durchaus nicht außer Acht lassen darf, und der am Leichtesten zu erweisen ist, ist der, daß kein Componist weniger frei in der Auswahl seiner Arbeiten handeln konnte, als Mozart. Wir kennen seine Vorliebe für die Werke der Bühne, und darin stimmte sein Geschrnack vollkommen mit seinen Interessen überein. Die Existenz eines dramatischen Compo- nisten in der Mode war im achtzehnten Jahrhunderte glücklich und glänzend, obgleich seine Einnahmen sich weniger als heut' zu Tage dem Gehalte der Sänger näherten und die Tyrannei einer Prima- Donna oder eines Primo-Uomo mehr auf ihm lastete. Dagegen überlebten sich die Opern schneller, wurden in größerer Anzahl und mit weniger Aufwand fabricirt; die Berühmtheit erwarb sich auf eine viel wohlfeilere Art. Hatte ein Maestro in Neapel, Rom, Mailand oder Venedig einen Erfolg gewonnen, so kamen ihm die Bestellungen von allen Seiten zu; das Ausland berief ihn; er

