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VI.
Eine Frau ist ein Vogel. Psychologische Studie».
Launen.
Man stelle sich einBoudoir vor,tapezirt mit weißem Atlas, welcher mit großen rosenfarbenen Blumen von Damast durchweht und mit eben solchen Vorhängen verziert ist, an welchen sich ein Besatz großer Perlen hinzieht, die auf einer wundervollen Goldstickerei glänzen; dessen Fensterscheiben, nach Art der gothi- schen, geschliffen und hellroth gefärbt sind, und nur zur Hälfte das Tageslicht in das liebliche Gemach eindringen lassen, so daß der gehcimnißvolle, zarte, rosige Schein dem der Dämmerung an einem schönen Sommerabende gleicht.
Dieses Kabinet war mit jenen ausländischen, alterthüin- lichen und jetzt wieder modischen Tändeleien im reichsten Maße versehen. Da standen japanische Vasen von grünem und goldenem Porzellan, voll von frischen, duftigen Blumen; japanftche Glasuren, roth und schwarz; japanische Carricaturen, so abscheulich und brennend bunt gemalt, wie man sie sich nur verstellen kann. Ferner standen da auf einem porphyrencn Kamine etliche chinesische Vasen von buntem Glase, wovon das Paar gegen hundert Louisd'or kostete. Diesen Schmuck des kostbaren Gemachs erhöhten noch die nützlicheren Gegenstände, nämlich ein prächtiges Klavier von Marchand, eine Harfe von Legris, die damals für eine Seltenheit galt, und auf einem kleinen, alter- thümlichen Tischchen eine Schachtel mit Pastellfarben und weißem, aufgespannten Velinpapier.
Die Gottheit dieses Tempels lag nachlässig auf ein großes, tiefes, rundes Kanapee hingestreckt. — Es war die Baronin von Cernan.
Niemals hatte ihr annruthiges, gewandtes und launisches Gesicht einen eigensinnigem und boshaftem Ausdruck gezeigt Alle Nerven dieses emsindsamen Weibes waren gereizt und ge- spannt.
Ihr einfaches, weißes Kleid und ihr kunstloser KopfM stand ihr vortrefflich.

