meint er. Aber der König versichert unwillig, er sei seiner Sache nur allzugewiß, und läßt sogar den angeblich wahren Verfasser kommen. Der Engländer erscheint. Ec behauptet, der Verfasser des Gedichts zu sein, und fuhrt als Beleg an, daß er es auswendig wisse. Zum Beweise seines Vorgebens, deklamirte er nun das lange Werk, mit allem Pathos, ohne zu stottern, ohne sich zu besinnen. Das Staunen des Franzosen wächst mit je. dem Augenblicke, ja eg treibt ihn bis zur Sprachlosigkeit. Endlich gewinnt er die Sprache wieder, er ruft alle Donner des Himmels gegen seinen Widersacher an, er betheucrt, Er, nur Er sei der Verfasser; aber er kann den Betrug nicht aufklären.
Der König kann sich bei dieser höchsten Verlegenheit des Lachens nicht erwehren, und erklärt endlich dem armen Verfasser zu dessen Beruhigung, das Räthsel.
Dieselbe Anekdote erzählt mau jedoch vielfach, nur mit verändertem Namen. Ein berühmter Poet hatte Heinrich IV., König von Frankreich, ein Gedicht von 200 Versen vorgelesen, welches ein Cardinal, du Perron, sogleich wörtlich und ohne Anstoß wiederholte. Auch von Rossini hat man sie in neuester Zeit mitge- theilt; allein mit Unrecht. Rossini ist nichts weniger, als ein Gedächtnißheld. Der älteste Gewährsmann ist meines Wissens der Redner Scneca, der Vater des bekannten Philosophen Seneca, welcher schon anführt, daß Jemand, den er jedoch nicht nennt, das gehörte Gedicht eines Poeten für das seinige ausgegcben habe, da er es auswendig konnte, was der Dichter selbst nicht vermochte.
Eben der Seneca erzählt auch von sich selbst: „Ich leugne nicht, daß das Gedächtnis; einst so sehr in mir blühte, daß es an das Wunderbare grenzte. Ich wiederholte 2000 Worte, die mir vorgesagt waren, und in eben der Ordnung, in welcher sie gesagt waren. Von denen, die mit mir denselben Unterricht besuchten,

