Von der Wichtigkeit drs Gedächtnisses. 'j

Die Ausbildung des Gedächtnisses ist eben so wich- ^

tig, wie die des Verstandes, obgleich es nur zu häufig !

geschieht, daß dasselbe vernachlässigt wird. Mit vostem j

Rechte sagten dagegen schon die Alten, daß wir nur so !

viel wüßten, wie wir im Gedächtnisse behielten; denn im |

Gedächtnisse besteht das eigentliche Wissen. Ist aber zu !.

allen Zeiten Stärke des Gedächtnisses nothwendig gewe- ;

fett, so findet diese Nothwendigkeit ganz besonders in un- ;

scrn Tagen statt. Tie Masse des Wisscnswerthen wächst nicht jährlich, sondern täglich 5 und mehr, als je, verlangt inan von einem gebildeten Manne, daß ec wenigstens in den am nächsten liegenden Wissenschaften und Kün- ? sten nicht unbewandert sei. >

Das Gedächtniß ist eine Dvrrathskammer für unser Nachdenken; unser Wissen ist leer, unser Nachdenken un- i fruchtbar, wenn wir nicht aus demselben das Aufbewahrte j mit Einsicht hervorlangen können. Geistreich wird der ! Gedanke, der durch .einen Neichthum von Kenntnissen be­fruchtet wird; heilsam die Lehre, welche das Beispiel vcr° / lebendigt; unterhaltend das Gespräch, wenn dem Sprechen- j den ein glückliches Gedächtiiiß zu Gebote steht. Also bilde, vervollkoiiimeiie und schärfe man das Gedächtniß vorzüglich in früher Jugend, und man bringt weit in seinem Fache, schafft im Leben Nützliches und Herrli­ches, wenn man anders auch den Verstand auszubilden nicht versäumt. Das Gedächtniß ist gleichsam die Basis ^ aller geistigen Entwickelung, und als solche für die gci- . stige Ausbildung von der höchsten Wichtigkeit. Gemüth, Geist und Vernunft sie werden erst durch das Gc- dächtniß geweckt, entwickelt, in Thätigkeit erhalten. Wer Nichts weiß, wonach soll er streben? worüber urtheilen? f Hätten wir nur ein Ariffassungsvermögen, nur Sinnen- ^ kindrücke, und fehlte mrS das Vermögen, sie festzuhaltcn und willkürlich hervorzurufen, so würden wir ewig auf