9
nien, sowie in den zahlreichen uns erhaltenen Entscheidungen der Päpste seit P. Siricius (I. 384—98), vorzüglich aber durch die Päpste Leo den Großen (I. 440 — 61) und Gregor den Großen (I. 590-604).
Diese Gesetze enthalten aber, weil durch das Bedürfniß des Lebens hervorgerufen und für die Gestaltung des Lebens bestimmt, zugleich ein wandelbares Moment, welches eben in den Umständen liegt, die dem Gesetz die nächste äußere Veranlassung und gewöhnlich auch die besondere Form gaben. Wie die Verhältnisse und Umstände wechseln, zeigt sich allmälig das Bedürfniß neuer Gesetze; werden diese nicht zur rechten Zeit und in rechter, den Verhältnissen entsprechender, Weise gegeben, so sprengt das unaufhaltsame Leben die Fesseln alter unbrauchbar gewordener Gesetze und wälzt einem Strome gleich die fessellosen Fluthen formlos und zerstörend vorwärts. Darum hat die Kirche im Bewußtsein ihrer hohen Aufgabe nie versäumt, zur rechten Zeit ihre gesetzgebende Gewalt zu üben. Dabei hält sie unwandelbar ihre von Oben empfangenen ewigen Wahrheiten und Grundsätze fest, erwägt aber jedesmal mit der größten Sorgfalt die beson- dern Verhältnisse der Zeiten und Orte, um zu finden, in welcher Weise ihre Grundsätze bei diesen Verhältnissen wahrhaft heilsam und ersprießlich anzuwenden seien; und so entstehen die neuen Gesetze der Kirche. Will man daher diese Gesetze recht verstehen und in ihren Geist eindringen, um den unwandelbaren ewigen Grundsatz von der zufälligen Form des einzelnen Gesetzes zu scheiden, und die beste Art der Anwendung eines solchen Grundsatzes aus verschiedenen Gesetzen, die alle aus demselben Grundsätze hervorgehen, zu lernen, so muß man eben diese Gesetze in ihrer Reihenfolge durchstudieren, und man wird am Ende aus vielen Gesetzen einen oder zwei Grundsätze in der mannigfachsten Anwendung gefunden und gerade hieraus jene Umsicht und Mäßigung gewonnen haben, wodurch sich die echte Negierungsweisheit der Kirche von dem unverständigen Festhalten an einem zufällig gefundenen Buchstaben eines alten Gesetzes un-

