I

97

sein Gebetbüchlein und seinen Rosenkranz.Dein Mann," sagten sie, »hat jetzt ein anderes Bürgerrecht angetreten. Er liegt im obern Riebt. Ein Kreuz steht auf seinem Grab. Es hätte Jeden treffen können," sagten sie. Die arme Frau verging fast in Thränen und Wehklagen.Mein Mann er­schossen," sagte sie, »mein Einziges und Alles und int Riebt begraben, in nngewcihter Erde!" Da raffte sie sich plötzlich auf und in der Nacht, als Alles schlief, ging sie allein mit einer Schaufel und mit einem Sack in das Riebt hinauf, suchte das Grab und die geliebte Leiche, und trug sie heim auf den Kirchhof. Solche Herzhaftigkeit und Stärke hatte ihr der Schmerz und die Liebe gegeben. Als sie aber hernachmals Tag und Nacht sich fast nimmer von dem Grabe entfernen und nicht essen und nicht trinken wollte, sondern unaufhörlich das Grab mit ihren Thränen benetzte, und mit dem Verstorbenen redete, als ob er sie hören könnte, alle Vorstellungen waren fruchtlos, da sagte endlich der Vor­steher des Orts, es sei kein anderes Mittel, als man grabe den Todten heimlicher Weise noch einmal aus, und bringe ihn auf einen andern Kirchhof, sonst vergehe noch die arme Frau. Also brachte man sie mit viel Zureden und Mühe in ihre leere Wohnung zurück, und brachte in der Nacht den Leichnam auf einen andern Kirchhof. Nur wenige Men­schen wußte» davon, wohin er war gebracht worden. Den frommen Leser rührt diese Geschichte, und er sagt, solcher beispiellosen ehelichen Liebe und Treue können nur noch Schweizer-Herzen fähig sein. Fehl gesprochen! Beide, die unglückliche Frau und ihr verstorbener Gatte, waren Fremd­linge, und zwar aus Deutschland. Doch kein Schmerz dauert ohne Ende, der heftigste am wenigsten. Die nämliche

Hebel'S ausgewählte Erzählungen. 7