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27. Haue ihn ab!
Es war im vorigen Winter jährig, da ging der Zimmermann K. zu W. in den Wald, Holz zn fällen. Der Mann hatte bisher ein sündliches, leichtfertiges Leben geführt, Gottes Wort gering geachtet, um seiner Seelen Seligkeit sich nimmer gekümmert; die Kirche war für ihn nicht da, die Bibel auch nicht, das Wirthshaus war sein Gotteshaus; die Karten waren feine Bibel. Der Herr hatte ihm ein gottesfürchtiges Weib gegeben, die hatte ihn wohl redlich ermähnt, des Herrn nicht zu vergessen, an seine Seele zu denken, aber alles umsonst. — Er ging heut in den Wald, er sah sich den Baum aus, den er fällen wollte, legte die Wurzeln bloß, schon holte er mit der scharfen Art aus — da fuhr ihm jmes Wort durch die Seele: „Haue ihn ab, was hindert er das Land!" — es mochte wohl noch aus seinen Kinderjahren ihn« im Gedächtnis, geblieben sein. Die Axt sank ihm aus der Hand; er konnte es nicht lassen, er mußte dem Worte nachsinnen. Wie, so dachte er, wie, wenn's heut im Himmel droben von Dir geheißen hätte: „Haue ihn ab, was hindert er das Land!" wie wenn die Stunde nicht mehr fern wäre, wo der allmächtige Gott deine Seele von dir fordert; wie würdest du bestehen, wenn du Rechenschaft geben solltest von deinem Erdenlcben?
Es ergriff iim eine unsägliche Angst, es ließ ihn nicht im Walde, er mußte heim. Er ließ sich von seinem Weibe die Bibel reichen, sie mußte ihm die Stelle aufschlagen Luc. 13., die wie ein zweischneidig Schwert ihm durch Mark und Bein gegangen war. — Ja, da stand es, das gewaltige Wort: „Haue ihn ab, was hindert er das Land," er fühlte es, es war ein Wort des allgercchten Gottes an seine Seele, er las es mit Angst und Beben. Aber auch das andere las er: „Herr, laß ihn noch dies Jahr .... ob er wollte Frucht bringen." Gewaltiger noch als jene ernste Drohung ergriff dies Gnadenwort seine Seele; er betete unter heißen Thränen: „Ja Herr, laß mich noch dieses Jahr!"
— und der Herr hat sein Gebet erhört, mit seinem Leichtsinn war's zu Ende, des Herrn Gnade bat das harte Herz gebrochen, er ist ein Christ geworden in der That und Wahrheit.
28. Marie Braun und das Lamm.
Es war im Christmonat, wo die Tage sehr kurz sind; eben hatte es 4 Uhr geschlagen und der Lehrer hatte die Schüler entlaffen und besonders der Marie Braun empfohlen, zu eilen und sich auf dem Wege nicht aufzuhalten, denn sie hätte weit nach Hause. Marie hatte eine Meile zu gehen bis zu ihres Vaters Haus, das ganz allein stand an der andern Seite der Gmieintrift. Sie ging allein und fürchtete sich nicht, auch nicht, wenn es finster war und sie durch Gebüsch und Dornen mußte. Sie lief, so schnell sie konnte; auf einmal hörte sie etwas, das wie ein Schaf blökte, und sah ein Lamm, welches sich verwickelt hatte und hängen geblieben war. Sie kannte es sogleich, es war das Lamm einer ihrer Gespielinnen, Sara, die aber weit aus dem Wege wohnte; dennoch dachte Marie, ich will eilen und ihr das Lamm heute »och zuführen, denn sie wird es suchen und ich werde ihr Freude machen; und sie that es; da sah sie von ferne Sara, wie sie außer Athem lief, ihr Lamin suchend; Marie rief ihr zu: „Ich habe dein Lamm im Busche gefunden, da nimm es, ich muß nach Hause eilen." „Marie! Marie! soll ich dich heimbegleiten?" sagte Sara. „Nein, nein, ich danke dir!" antwortete Marie, „ich fürchte mich nicht." Indem sie forteilte, begegnete ihr ein Mann, der sich verwunderte, daß sie allein so spät auf dem Wege wäre; aber noch mehr wunderte er sich, da er hörte, daß sie sich nicht fürchte: „weil sie doch nicht allein sei, wenn gleich Niemand sie begleite, denn Gott, wie ihre Mutter und ibr Lehrer sage, sei uns aller Wege nahe, und bewache und bewabre uns. Wollte Jemand mir Schaden thun, so wird es der Herr ihm nicht erlauben." Er bestärkte sie in diesem Glau- I den und sagte: „Ja Marie, Gott ist überall

