38

dieselbe sagen hörte:Elise, ist das dein Missions- geist?" Da wurde sie sehr betrübt, lief hinaus und weinte bitterlich.

Nachdem die Mutter dem Willi gesagt hatte, wie unrecht es sei, seiner Schwester Sachen zu ver­derben, suchte sie Elise auf und fand sie auf den Knieen bei ihrem Bettchcn, wo sie betete: Jesus möge ihr ihre Heftigkeit vergeben und überwinden hel­fen. Und von nun an gelang es ihr auch fast immer, harte Worte zurückzuhalten; täglich fuhr sie fort mit ihrem Missionswerk, sprach mit Willi und betete mit ihm, lehrte ihn selbst beten und den Heiland lieben.

Nach kurzer Zeit aber wurden Eliscns Wangen blaß, und sie krank und schwach; bald mußte sie das Bett hüten. Ihre treue Freundinnen besuch­ten, trösteten und ermähnten sie, den Heiland zu lieben. Der Tag brach an, wo sie ihre Mutter verlassen mußte. Eltern und Tante Marie standen um ihr Bette und weinten.Liebe Eltern, sagte sie,warum weint ihr? ich fürchte mich nicht. Er wird die Lämmer in Seinem Busen tragen. Ich bin eins Seiner Lämmer tmd wünsche zu Ihm zu gehen. Wollt ihr mich nicht gehen lassen?" Sie konnten ihr nicht antworten, und sie fuhr fort: Sing' doch, liebe Mutter, sing': die Engel, Engel tragen mich zur Ruh'. Alles, alles wohl! Lieber Vater singe! Tante singe! Wärterin singe! singet Alle! Dort droben ist Frieden!" Niemand konnte singen so fing die kleine Elise selbst an zu sin­gen:Kinder, welche hier schon gern, nachgefolget ihrem Herrn die findet man auch dort. O dro­ben ist Freude, Freude, Freude-die nimmer

enden wird."

Das kleine Köpfchen fiel zurück auf's Kissen und der auf Erden begonnene Gesang wurde in ewiger Herrlichkeit vollendet: denn die kleine Missionärin war entschlafen.

70. Auch die königliche Macht hat Grenzen.

Als Alexander in Indien jene seltsamen Weisen kennen lernte, die in Verachtung aller irdischen

Bequemlichkeiten und aller eingebildeten Bedürfnisse ein Leben edler Eitthaltsamkeit führen und das wahre Glück allein in der Tugend und Gottseligkeit suchen, ließ er einen derselben, der in besonders hohem Rufe der Weisheit stand, zu sich rufen und unterhielt sich mit dem frommen Greise. Der Kö­nig fand hohes Wohlgefallen an ihm und sprach zu ihm:Bitte dir eine Gnade aus, sie soll dir gewährt sein!" Da sprach der Greis:Gewähre mir die Freiheit von den Beschwerden des Alters und halte den Tod von mir ferne!"

Der König sagte lächelnd:Diesen unangeneh­men Gästen bin ich selbst früher oder später an­heimgegeben; wie könnte ich Andere vor ihnen retten?"

Nun denn, o mächtiger König, deine andern Schätze begehre ich nicht, weil sie dir nur bis zum Tode geliehen sind und die Welt sie dir dann wie­der abnehmen wird, wie sie dir gegeben sind;" sagte der Greis lächelnd.

71. Oft folgt deni Unglück das Glück auf dem Fuße.

Während des griechischen Freihcitskampfes wurde die kleine Stadt Anatolikon von den Türken be­lagert und beschossen. Die Stadt hatte schon von jeher an Wasser Mangel gelitten; die Türken schnit­ten ihr das Trinkwasser ganz ab und bald geriethen die Einwohner in die größte Noth. Mütter, Greise und Kinder rangen in der Kirche die Hände und riefen Gott um Hilfe an, während das schwere Ge­schütz der Türken krachte und die Kugeln alles zu zertrümmern drohten. Da fiel eine Kugel in die Kirche und riß daselbst tobend den Fußboden auf. Alles schrie laut vor Entsetzen, aber siehe, in dem­selben Augenblick sprudelte aus der Erde in der Kirche ein Quell lebendigen Wassers hervor. Diese plötzliche Hilfe schien Allen wie ein göttliches Wun­der. Die dürstenden Männer wurden erquickt und mit solchem Muthe erfüllt, daß sie aus der Stadt