30
Severin sprang davon, suchte den Diener auf, theilte diesem den Befehl der Großmutter mit und kehrte dann zu dieser zurück.
„Jetzt ist mir ein Stein vom Herzen," sagte er. „Das schöne schwarze Pult hätte ich nur schmerzlich vermißt."
„Du bist ein eigensinniges Kind," sagte die Großmutter. „Ich wette, du hegst noch immer den geheimen Gedanken, in dem Pulte etwas zu entdecken, was Bezug auf den Herrn Braun da hat. Gesteh' es, mein Kind!"
„Nun, ja denn, Großmutter," erwiderte der Knabe mit offenem Blicke. „Ja, so ist es! Und warum sollte ich das nicht eingestehen? Irre ich, so schade ich ja damit Niemandem! Sieh', ich kann den Gedanken nicht los werden, daß der Herr Braun da uns betrogen hat. Wo ist das Geld vom Grafen Burgstein geblieben? Der Vater war kein Verschwender, Großmutter! Und verschwunden kann es nicht sein, das Geld! Und gestohlen auch nicht, denn sonst würdest du davon gehört haben."
„Aber, mein Kind, ich habe das Pult hundert Mal durchsucht!"
„Gut! Indeß, hört man nicht zuweilen von verborgenen Schubladen und dergleichen?" fragte Severin.
„Ja, ja, lieber Sohn," erwiderte die Großmutter — „in deinen Büchern magst du dergleichen gefunden haben, aber im gewöhnlichen Leben kommt es nicht häufig vor. Das Ebenholz-Pult, obgleich es recht schwarz und gc- heimnißvoll aussieht, birgt doch keine Geheimnisse! Auch ich habe daran gedacht, so thöricht es ist — der Ertrinkende klammert sich ja an einen Strohhalm — und habe einen Tischler kommen und das Pult auseinander nehmen laffen — kein verborgenes Fach war zu sehen! Auch diese Hoffnung, armer Severin, mußt du aufgeben."
Der Knabe sah überrascht und niedergeschlagen aus, denn insgeheim hatte er die Hoffnung gehegt, ein verborgenes Fach in dem Pulte und in ihm die wichtigen Papiere zu finden. Aber auch den Schmerz über diese getäuschte Hoffnung überwand er bald und sagte: „Gut, wenn auch nichts Geheimnißvolles an dem Pulte ist, lieb

