menschenleer, hinter den großen Spiegelfenstern sieht man nur wenige Gesichter neugierig oder muffig' hervorgucken, und das einer großen Stadt eigenthümliche rege Leben und Treiben findet sich bloß in der finstern Altstadt.
Nachdem der Freiherr feine Kinder am andern Morgen durch den schönsten Theil der Stadt geführt, ihnen einige schöne Privatgarten, den geschmackvollen Herrengarten am Schloß, das außeror-
dcntlich geräumige Erercierhaus und das höchst elegante Lokal der sogenannten vereinigten Gesellschaft (einer Art Clubbgesellschaft) gezeigt hatte, blieb ihnen für den Nachmittag nur noch das Museum mit seinen verschiedenen Sammlungen, die Bibliothek und Gemälde- gallerie. Die beiden Letztern konnten für Kinder dieses Alters noch kein großes Interesse haben, weshalb auch der Vater, besonders den jüngsten nicht zumuthete ihnen eine erzwungene Aufmerksamkeit zu widmen. Aber er wünschte ihren Geschmack nach und nach durch den Anblick guter Gemälde zu bilden, ihnen Sinn für die edle Malerkunst einzuflößen, und sie durch kleinere Gemäldesammlungen auf die großen Kunstschätze vorzubereiten, die ihnen im Laufe ihrer Reise noch zu sehen bevorstanden. Auch wünschte er Herrn Möller nicht als Nebenperson betrachtet; und da dieser, durch seine Verhältnisse eingeschränkt, noch wenig gesehen, die ganze Lebenszeit außer den Studienjahren, in der Heimath, einem Dörfchen in der Lüneburger Haide zugebracht hatte, intcressirte ihn Vieles, was seinen Zöglingen natürlich gleichgültig war. Marie, welche die in Spiritus gesetzten Raubcrköpfe in Heidelberg noch nicht recht verschmerzen konnte, freute sich sehr auf eine besonders wohl erhaltene Mumie *), und fand sich
*) Mumie, ein durch Einbalsamirung vor Verwesung geschützter Körper. Die Farbe ist braun, der Körper trocken und hart wie Holz, das Gesicht, besonders die Augen meistens sehr gut erhalten.

