448 Bewohner Survpa'6. Die Russen.
daß es ihnen nie an diesen ersten Bedürfnissen fehlen möge. Das Mahl dauert oft tief in die Nacht, und an Gesundheiten für Braut und Bräutigam fehlt es nicht. Der junge Gatte betritt, von seinem Führer begleitet, das Gemach. Jetzt wird die Thüre geöffnet, und alleGäste strömen herein, umdenNeuvermählten noch einmal ihre Glückwünsche zu bringen. Jeder leert auf ihre Gesundheit einen vollen Becher und nimmt dann Abschied, indem er dem Bräutigam das Gesicht und der Braut die Hand küßt, welche zum Dank einen Kuß auf die Wange des Scheidenden drückt. Die Thüren werden nun geschlossen, und die Gäste kehren gewöhnlich wieder zu ihren Tischen zurück.
Geselliges Leben.
Gastfreundschaft übt der Russe im höchsten Grade, und man könnte ihn in dieser Beziehung den Gegensüßer der Schweizer nennen. Die Lebensmittel find im Ganzen in Rußland sehr billig; aber auch in denStri- chcn, in welchen dieses günstige Verhältniß nicht Statt findet, wird dennoch die Gastfreundschaft geübt. Das westliche Europa kennt diese Tugend wenig: Großbritannien, Frankreich, Italien und die pirenäische Halbinsel üben Gastfreundschaft mit Worten, die ostwärts gelegenen Länder durch die That, und selbst Nord- und Süddeutschland find in dieser Beziehung sehr wesentlich verschieden: denn der gastfreundliche Niedersachse wird vom ächten Altbaiern oder Schwaben mit großen Augen betrachtet, wohl gar bespöttelt. Hand in Hand mit der Gastfreundschaft gehen die geselligen Vergnügungen. Der wirkliche Russe ist kein Freund von Spazierengehen; während der Deutsche auf Wandelwegen und in schönen Gärten sich ergeht, seht sich der Russe entweder in sein oder in des Nachbars Haus, um daselbst mit Essen oder Spielen sich zu unterhalten. Wenn jemand im östlichen Rußlande in der Umgegend seines Wohnortes spazieren gehe» will, so wundert sich Alles, und meint, daß ein Mensch, der an Orte gehe, wo er keine Geschäfte zu verrichten hat, krank sein müsse, und sich nur herstellen wolle. Der Russe geht nicht spazieren, wenn er unwohl ist, sondern legt sich sogleich in's Bett: daß Menschen gehen, um zu gehen, ist den Leuten unbegreiflich. In häuslichen Kreisen kommen die Vornehmsten unter sich in ihren Paläste», so wie die Ärmsten in ihren Hütten zusammen, vergnügen sich daselbst, und genießen das Leben nach ihrem Vermögen. Der angeführte Verfasser der Bilder aus Rußland drückt sich über diesen Gegenstand so aus: Besonders sind die langen Winterabende diesen geselligen Zusammenkünften geweiht, wo es oft nach vollendeter Arbeit sehr lustig hergeht. Nicht selten sieht man da ländliche Possenspiele und förmliche Maskeraden von den

