462 Bewohner Europa s. Die Nüssen.

Die Kunst, zu stehlen.

Stehlen, fingern, mausen, mitgehen heißen, langen, klemmen, schießen, greifen können die Großruffen, wenn man auf die Masse sieht, so vortreff­lich, daß die ersten Taschenkünstler von London und Paris bei den Groß- russen in die Schule gehen können. Dabei findet aber kein Straßenraub Statt. Während der Jtalier Straßenränder und nicht Dieb ist, ist um­gekehrt der Russe Dieb und nicht Straßenräuber. Einbrüche sind fast ganz unbekannt, und auf der Landstraße wird niemand angefallen, wenn er auch keinen Säbel und keine Pistolen hat. Die gebildeten Russen halten das Mausen eben so gut für ein Laster, als die übrigen Europäer, und sind der Kunst, lange Finger zu machen, durchaus nicht zugethan; der ge­meine Großruffe aber hält das Stehlen für nichts Unrechtes. Wahrschein­lich liegt die Ursache in dem Mangel an Bildung. Schullehrer und Pre­diger könnten viel helfen und wirken. Die Dorfschule» sind aber noch sehr selten; Predigten kommen noch seltener vor. Bücher hat der gemeine Mann nicht, und wenn er deren hätte, könnte er sie nicht lesen. So pflanzt sich also von Geschlecht zu Geschlecht dieses Laster als eine alte Gewohnheit fort. Hauögeräthe nimmt der Russe nicht: man kann sie ganz sicher über Nacht auf die Straße legen, sie sind ihm heilig. Viele andere kleine Gegenstände aber, welche sich gebrauchen lassen, sieht der Russe als ein Gemeingut an, und sowie in manchen Gegenden Deutschlands der ge­meine Mann das Holzstehlen als nichts Böses betrachtet, den Wald für ein Gemeingut ansteht, so betrachtet der Russe silberne Löffel, die einem Andern gehören, auch als Gemeingut. Eine geschlossene Thüre öffnet der Russe nicht, um etwas aus dem Zimmer zu holen, er würde dasstehlen" (worii) nennen, was in seinen Ohren häßlich klingt, und eine Sünde ist. Das Stehlchcn, Klemmen, lange Fingerchen machen, auf Russisch worobat, klingt gemeinen russischen Ohren überaus lieblich, und wenn man zu je­mand sagt: Hundesohn, den Ring hast du geklemmt (Hundesohn heißt

ungefähr so viel als lieber Freund), so kann man die Antwort empfangen: Ach, lieber Herr, Gott hat ihn mir gegeben. Im Jahr 1813 war ich selbst Augenzeuge, wie diese Kunst geübt wurde. Eine preußische Obsthändlerin» war kaum im Stande, den dritten Theil ihres Krames in Sicherheit zu bringen. Blickte sie rechts, so langten die Russen hinter ihr links; und da die preußischen Regimenter, welche in der Nähe der Russen standen, durch ihre grünen Freunde beinahe um alle ihre Kleinigkeiten kamen, sah man sich an manchen Stellen genöthigt, Russen als Wache zu nehmen,