464 Bewohner Europa s. Die Russen.

die zu verhehlen ich keine Ursache habe, darf mich nicht abhalten, auch solcher Dinge zu erwähnen, die nicht zu den liebenswürdigen gezählt wer­den können. Wo aber so viel Gutmüthigkeit, wo ein solcher Boden von richtigem moralischem Gefühl vorhanden ist, wie bei diesen wackern Natur­menschen, da kann es nicht schwer fallen, auch diese noch übrigen Flecken bis aus ihre letzte Spur zu vertilgen. Übrigens möchte ich denjenigen, die sich des Glückes rühmen, einem kultivirteren Volke anzugehören, freund­schaftlich rathen, nicht so geschwind lieblos über Andere abzuurtheilen, und wohl zuzusehen, ob unter ihrem sogenannten gebildeten Volke nicht auch einige, vielleicht eben so ausfallende Reste der alten Barbarei zu finden sind, die hoffentlich auch nicht in einer angeborenen Schlechtigkeit, sondern nur in einer verkehrten Ansicht, d. h. also, trotz der höheren Volksbildung, doch nur in dem Mangel an eigentlich moralischer ihren Grund haben. Der deutsche Bauer z. B. gilt, und mit Recht, im Allgemeinen für einen braven und redlichen Mann, und ich habe noch nie gehört, daß man ihm überhaupt einen Hang zum Diebstahl Schuld gegeben hätte. Sind aber nicht z. B. unsere Hvlzdiebstahle in den herrschaftlichen Waldungen eine beinahe alltägliche Sache, und hat sich wohl noch irgend ein armer Bauer deßhalb Vorwürfe gemacht, weil er zur Nachtzeit einen Bündel Reisig nach Hause geschleppt, und dafür vielleicht mehre schöne Bäuine verstümmelt und in ihrem Wachsthume aufgehalten hat? Es ist dieß auch ein Diebstahl, aber ein althergebrachter, schon gleichsam zur Mode gewordener, durch die Mode geheiligter Diebstahl. Es mag noch gar manche ähnliche Dinge in der menschlichen Gesellschaft geben, die wir, eben weil sie ganz allgemein sind, und beinahe täglich vorfallen, nicht mehr bemerken, die aber einem

fremden und daran noch nicht gewöhnten Menschen gewiß schon auf den ersten Blick auffallen würden. Wer weiß nicht, daß gewisse, gleichsam durch die Volksstimme geheiligte, Exceptionen bei dem sogenannten Meister­stücke der Schöpfung nicht bloß unter dem niedrigsten Pöbel, sondern selbst in den gebildeten Klassen, ja unter den eigentlichen Gelehrten, nicht eben zu den großen Seltenheiten gehören. Man denke nur an das sogenannte Bücherschießen auf unsern Universitäten. Wie wäre es ferner, wenn wir manche unserer Mineralogen und Botaniker sprechen ließen? Ich be­sorge nicht, daß sie uns diese Aufforderung übel nehmen, oder daß sie uns nicht Rede stehen würden, da ich sie selbst in ihren freundschaftlichen Zu­sammenkünften mit nicht geringer Selbstzufriedenheit die eigenen Groß­thaten auskramen, und die Geschicklichkeit rühmen hörte, mit welcher sie Mineralien und Pflanzen zu schießen wissen.