1 2 öfr schönste Reichthum.
Mit unermüdlicher Sorgfalt trug sie es von einem Fenster zum andern, wo gerade die Sonne am wärmsten schien, und wandte abwechselnd die zarten Zweige dem Lichte zu. Bald waren die schimmernden Blüthensteruc völlig erschlossen, herrlich prangte das Däumchen in seiner blendenden Schone. Auguste betrachtete es an jeglichem Morgen mit neuer Lust, und als nun endlich die weißen Blättchen verwelkten und herabfielen, da sammelte sie den duftigen Schatz und bewahrte ihn sorglich in einem Gefäße. Verschwunden war nun die Blüthcnzicr, langsam setzten die Früchte an. Auguste trauerte nicht um den Schmuck des Baumes, sie sah im Geiste die schwellenden Früchte. — So schwinden auch glanzlose Stunden in fröhlicher Eile dahin, wenn ein Strahl süßer Erwartiuig das Herz belebt.
Schon hatten einige Blüthen die Gestalt runder Früchte angenommen, während andere langsam verdorrten und zur Erde fielen. Auguste stand oft in Betrachtung versunken vor dem Bäuinchen und dachte: Können auch nicht alle gedeihen, so werden die wenigen dann um so schöner zur Reife gelange»! Und sie zählte ihren Verrath mit zufriedenem Lächeln, und berechnete, wie sie solche vertheilen ivollte im Kreise ihrer Freunde.
Die Mutter beobachtete das Mädchen oft im Stillen und sprach zu sich: Wie ist die Jugend so reich an Hoffnung und Liebe! Selbst die Vereitelung des einen Genusses erhöht die Freude des andern! Sie steht im Glauben zu fest, als daß sie ihren schuldlosen Träumen entsagen könnte!
Schon waren zwei Dritttheilc der Fruchte gefallen, einsam blickten die letzten durch das üppige Laub.
Für die geliebte Mutter, den theuren Lehrer und mich! dachte Auguste in frommer Genügsamkeit; aber die nächste Nacht raubte »och eine der Früchte, und sie trauerte darüber und betrachtete mit stirchtsaniem Blick den Rest ihrer Habe.

