Ein vogelaeS. 31
Ein Vogelnest.
Es liegt in der Betrachtung der Natur ein wunderbarer Trost für das Herz! Schon lange beobachtete ich eine Grasmücke, wie sie, im Schutz eines Stachelbeerstrauchs, ihr Ncstchcn aus Halmen zusammenflocht, und endlich Besitz davon nahm. Täglich besuchte ich das liebe Nöglcin. Es brütete bereits, und nicht weit davon sang das Männchen sein liebliches Lied von den Zweigen herab. —
Als nun in vergangner Nacht der arge Sturm sich erhob und immer gewaltiger tobte, dachte ich besorgt an das Vogelnest. — Es war aus so schwache Sprossen gebaut, ein Windstoß konnte es herabwerfcn. Beklommenen Herzens eilte ich am frühen Morgen hinab — und siehe! obgleich dicht daneben der Sturm mehrere Acstc an den Obstbänmcn geknickt hatte: das Ncstchcn stand unversehrt; die mütterliche Grasmücke aber breitete ihre Flügel noch dichter nnd wärmer um die junge Brüt, während ihr Gefährte ein Jubellicd sang, nnd sich dankend zu den« entwölkten Himmel empor hob.
„O, Du Allmächtiger!" betete ich zu dem Morgenhimmcl empor: „Zeigst Du mir nicht deutlich, daß Du Die am sorglichsten beschützest, die wir ani verlassensten wähnen? — Auch die Stützen unseres Glückes sind schwach, nnd viele Stürme bedrohen unscr armes Leben, aber wie Du das kleine Nest in der Gcwittcrnacht beschirmt nnd bewahrt hast, so kannst Du auch uns eine Freistatt retten und erhalten! — Laß uns nur liebend zusammen ausharren, wie die Vöglein, und den Dank unseres Herzens nie vergessen." —

