62. Jahrgang. Nr. 10.
Berlin, 11. Mär? 1898.
eitung öes Audenthums.
Gin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse.
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Leitartikelr Die neuorthodoxe Romantik. — Die Woche. — Die Gesellschaft für jüdische Volkskunde. — Der Fall Dretzfus im Lichte der jüdischen Gesetzgebung. IV. Von Dr. Kohn. — Von den Quellen der jüdischen Sittenlehre. II. Von Prof. Dr. M. Lazarus. — Varnhogen von Ense und Leopold Zunz. — FenMetonr Aus bangen Tagen. Von Carl Griot. (Fortsetzung.)
Der Gemeindebote. Korrespondenzen nnd Nachrichten: Berlin, Aus der Provinz Posen, Thorn, Breslau, Sohrau, Dresden, Leipzig, Hannover, Wiesbaden, Wien, Stockholm. — Bo« Nab und Zyern. — Miseellen.
Nie neuorthodoLe Nomantik.
Berlin, 9. März.
nsere Leser haben die seltsamen und fremden Anschauungen der Neuorthodoxie, die in den letzten Verhandlungen der Berliner Repräsentanten-Versammlung ihr Programm vor aller Welt kundgegeben, sicher mit nicht geringem Befremden kennen gelernt. Wir haben schon wiederholt Gelegenheit gehabt, derartige Anschauungen, welche nichts als ein Wiederaufleben alter romantischer Gelüste sind und von Berlin aus ihren Weg auch in andere Großgemeinden gefunden haben, entschieden zu bekämpfen; aber es ist dringend nothwendig, daß dieser Kampf fortgesetzt und daß immer von Neuem die Aufmerksamkeit auf die Schäden gelenkt werde, durch welche dem Judenthum fremde Anschauungen entstehen müssen. Denn schon einmal hat die Neuorthodoxie vor fünfzig Jahren die Berliner Gemeinde in eine schlimme Krisis gestürzt.
In der That braucht man diese Neuorthodoxie nur mit der deutschen Romantik zu vergleichen, um ihren wahren Charakter kennen zu lernen. Wer war denn eigentlich die christliche Romantik? Sie war vor allem die Wiedererweckung des Mittelalters, wie sich dies in Liedern, Bildern und Bauwerken ausgeprägt hatte. Zu einer solchen Wiedererweckung des mittelalterlichen Lebens gehörte vor allem aber Gemüth, das den Romantikern vollständig fehlte. Es war ihnen kein unmittelbar dringendes Bedürfniß, sondern nur ein Postulat des Verstandes, ein Punkt in ihrem Programm wie viele andere. Der Ausgangspunkt war das souveräne Ich, das Einzige, was wirklich existirte, und ihre Hauptforderung war die, daß die Willkür des Subjekts kein Gesetz über sich leiden dürfe. Natürlich gaben sie für bevorzugte Geister eine besondere Moral aus, eine Freiheit und Erhebung des Geistes selbst über das Gesetz. Schleiermacher war es. der diese romantischen Forderungen auf das Gebiet der Religion übertrug, die er zum Inbegriff aller höheren Gefühle machte und dem unendlichen Spiel der Individualität preisgab. Er verkündigte eine grenzenlose Freiheit des Glaubens, welche weniger dem gesunden Durchschnittsgefühl der Menge, als den privilegirten Geistern zu gute kam. „Die Religion sollte wie eine leise, gefällige Melodie das Menschenleben umschweben, wie eine unbestimmte, aber
wohlthuende Ahnung von einer Traumwelt, in der die Seele sich genügen könne." Es ist natürlich, daß diese Theorie schließlich zu den unerhörtesten Verirrungen führen mußte und zuguterletzt den Bankerott der Romantik unvermeidlich machte.
Wir haben es wohl kaum nöthig, diesen romantischen Doktrinen gegenüber die Weltanschauung des Judenthums, die ihr in jeder Beziehung diametral entgegengesetzt ist, ausdrücklich zu betonen; aber schon aus den kurzen Andeutungen, die wir über das Wesen jener alten Romantik gegeben, wird jeder Unbefangene deutlich erkennen, daß wir ein Recht dazu haben, die moderne jüdische Orthodoxie mit jener Romantikzu identifiziren und zu behaupten, daß sie durch und durch unjüdisch, ein Nachbeten christlicher Gedankenkreise sei. Auch sie erklärt ja freimüthig, daß man orthodox denken, orthodox fühlen könne, ohne orthodox handeln zu müssen, daß man sich als orthodox ausgeben und doch außerhalb der Synagoge, ja selbst außerhalb der Ritualgesetze stehen könne, daß die Mission des Judenthnms eine unglückselige und das Zeremonialgesetz das größte Unglück für das Judenthum gewesen sei! Wenn das nicht die abenteuerlichste und wüsteste Romantik ist, daun wissen wir wahrhaftig nicht, was man auf der ganzen Welt mit diesen« Namen bezeichnen könnte. Unwillkürlich müssen wir hier an die Aeußerung eines bekannten Kritikers über die alte deutsche Romantik denken: „Sehr oft drängt sich uns die Ueberzeugung, wenigstens die Wahrscheinlichkeit auf, daß die Romantiker das Volksmäßige, das Heilige, überhaupt das Positive, von dem sie reden, weniger selbst besessen, weit mehr als etwas Fremdes anerkannt, gelobt und gepriesen, daß sie an diesen Dingen ihre Freude gehabt hatten, aber nur insoweit, als sie sich nicht selbst unmittelbar und ganz daran betheiligten. Es scheint mitunter, als suchten sie das Alte und Volksmäßige, das Heilige nicht, um sich in die alten, volksmäßigen, heiligen Gesinnungen voll und ganz hineinzutauchen, sondern um des neuen Reizes willen, den eben das Alte, um des Kontrastes willen, den das Volksmäßige gegenüber unserer modernen Kultur gewährte, unr des Geheimnißvollen und Wunderbaren willen, mit dem das Heilige geschmückt war."
Treffender und wahrer kann auch das Wesen unserer Neuorthodoxie nicht geschildert werden als in diesem Urtheil über die christlichdeutsche Romantik. Auch sie suchen den alten Siddur, die alten Gebräuche nicht um der religiösen Beseligung willen, die in ihnen liegt, sondern aus einer romantischen Gefühlsduselei heraus, die ihnen das Alte mit einem gewissen poetischen Schimmer umkleidet. An die Zukunft des Judenthums denken sie nicht und glauben sie wohl "auch nicht. Sie wissen, daß das alte Judenthum eine Ruine sei und sie wollen, daß es eine solche bleibe, denn sie finden Ruinen -schöner als moderne Bauwerke, obwohl sie ja wissen, daß eine Ruine eben kein dauernder Aufenthalt für kommende Generationen sein könne.

