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Und hier liegt die Hauptgefahr, welche diese Neuorthodoxie über uns bringen kann, wenn sie nicht bei Zeiten in ihrer inneren Unwahrhaftigkeit erkannt wird. Das Judenthum ist eben keine Ruine, sondern eine lebenskräftige Religion, die der Entwickelung fähig ist und die forterhalten werden muß, so lange unsere Mission innerhalb der Kulturmenschheit nicht erfüllt ist. Deshalb aber muß der große Bau gegen alle Stürme der Zeiten gefestigt werben, so daß auch künftige Generationen sich in demselben heimisch fühlen können. Mit der Romantik der Neuorthodoxie würde unsere Jugend absolut nichts anzufangen wißen. Wir aber müssen für diese Jugend, als die Erbin unserer Kämpfe und Ideale, vor allem sorgen. Mi^ dieser Neuorthodoxie würde aber auch ein großer Theil unserer gebildeten Glaubensgenoffen sich dem Judenthum immer mehr entfremden, d. h. jener große Theil der Gebildeten, der bereits in den Anschauungen der religiösen Reform aufgewachsen und mit den veralteten Gebräuchen sich nie würde befreunden können. Am allerwenigsten aber kann diese neue Romantik unsere wirklichen Orthodoxen, denen kein vernünftig Denkender aufrichtige Achtung, ja sogar Sympathie wird versagen können, befriedigen, und wir nehmen es den Vertretern dieser Richtung ernstlich übel, daß sie aus Zweck- mäßigkeitsgründen jene gefährlichen Mitläufer dulden und nicht gegen dieselben in energischer Weise Front machen.
Das Judenthum ist vor Allem eine Religion der That. Höher als der Gedanke und das Gefühl steht in ihm die Erfüllung der Pflicht; Lehre und Gesetz sind so eng mit einander verknüpft, gehören so sehr zusammen, daß auf die Erhebung des» Einen, die Vernichtung des Anderen folgen müßte; beide haben daher nur die eine Bezeichnung: „Thora", die Lehre und Gesetz zugleich bedeutet. Als die alten Hellenisten, die ja eigentlich die Vorläufer der modernen Romantik waren, die Gesetze der Schrift zu Symbolen verflüchtigen wollten. da rief ihnen" der Philosoph Philo zu: „Nein! Mosis Gesetze bleiben fest, unerschütterlich und unzerstörbar wie von dem Siegel der Natur selbst gezeichnet, ununterbrochen von dem Tage ihrer Ertheilung bis auf den heutigen Tag, sie werden bestehen so lange Sonne, Mond, der Himmel und die ganze Welt bestehen." Ueberall, im Talmud wie in den späteren religionsphilosophischen und halachischen Werken, finden wir die schroffste Ablehnung jener Theorien, die die neuorthodoxe Romantik in so selbstgefälliger Weise als ihr Programm aufgestellt hat und die wir nochmals für durch und durch unjüdisch erklären müssen. Nein, uns ist das Judenthum keine romantische Ruine, die wir mit dem Schimmer der Pietät wie eine alte, liebe Jugenderinnerung umkleiden möchten, sondern es ist uns der Quell lebendiger Wahrheit und tiefer religiöser Er- kenntniß, den wir uns und unseren Kindern treu und von allem Wust und Staub, den die Jahrhunderte angesetzt, befreit erhalten wollen. Keine Bildung, keine neue Weltanschauung kann uns an dem Glauben unserer Väter irre machen, deffen uralte sinaitische Gesetze fest stehen, wenn auch die verschiedenen Formen wandelbar sind. Je gebildeter wir sind, desto heiliger ist uns unser väterlicher Glaube. Manche Geschichte gewordene Formen des Judenthums wollen wir gern der Geschichte anheimfallen laffen, aber die Wahrheit, die uns die heilige Schrift und die Propheten gelehrt und die unsere Psalmisten zu so herrlichen Liedern begeistert, diese Wahrheit wollen wir uns bewahren und erhalten als die höchste Stufe aller religiösen Erkenntniß und darin soll uns keine Romantik, keine Neuorthodoxie beirren. Manche Gebräuche und manche Zeremonien lassen wir' fahren, weil sie nichts mit dem Inhalt unserer Religion zu thun haben, aber der inhaltsschwere Gottesruf: „Du sollst den Namen deines Gottes nicht vergeblich aussprechen", hallt um so gewaltiger
wieder in der Tiefe unserer Seele lind flößt uns ein Grauen ein vor den Verirrungen und Verwirrungen jener romantischen Weltanschauung, an der das Herz keinen Antheil hat und die nur dem kalt berechnenden Verstände oder denr Gaukelspiel der Phantasie ihre Entstehung verdankt.
Are Woche.
Berlin, 9. März.
wci hervorragende Männer hat das Judenthum in der abgelaufenen Woche verloren: Emil Lehmann in Dresden, den zweiten Vorsitzenden des Deutsch Jsraelitischeu Gemeinde- bundes, und S. H. Goldschmidt, den Präsidenten der Alliance Israelit« Universelle in Paris. Beide Männer haben auf verschiedenen Gebieten und mit sehr verschiedenen Anlagen während ihres ganzen Lebens im Dienste des Judenthums gestanden. Mit wahrem Feuereifer, mit einer seltenen poetischen Begabiliig, mit unermüdlicher Hingabe und lauterer Gesinnung hat Emil Lehmann die Interessen der radikalen Reform vertreten; aber es ist ein ehrenvolles Zeugniß für den Tobten, daß auch seine entschiedensten Gegner heute die Lauterkeit seiner Gesinnung und seine ehrliche Glaubenstreue unbedingt anerkennen müffen. L. war durch und durch Jude, aber auch durch und durch deutscher Patriot. Er selbst, sein ganzes Leben und Wirken war das beredteste Zeugniß gegen den Antisemitismus. Seine Anschauungen über die Reform im Judenthum konnten wir nicht immer theilen, aber wir erkannten doch Alle in ihm den edlen, selbstlosen, glaubenstreucn Juden, der für alles Große und Edle sich begeisterte, deffen höchstes Ideal die Erhebung, Fortbildung und Entwickelung des Judenthums während seines ganzen Lebens bis zum letzten Athemzug geblieben ist. In der Geschichte des modernen Judenthums wird Emil Lehmann nicht vergeffen werden.
Ganz anderen und ausschließlich praktischen Zielen war die Thätigkeit S. H. Goldschmidt's, eines geborenen Frankfurters, gewidmet. Er interessirte sich fast ausschließlich für gemeinnützige lind wohlthätige Werke. Seit dem Tode Cremieux wußte er die, nach einem so berühmten Vorgänger doppelt schwere Position mit Takt und Würde zu behaupten. Namentlich interessirte er sich für das Werk der Alliance im Orient und für die Begründung von Schulen daselbst. Die Hebung des sittlichen und Bildungs-Niveau der Juden im Orient war seine beständige Sorge. Allein schon deshalb wird sein Name mit dem Hilfswerk der Alliance für die Juden im Orient immer verbunden bleiben.
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Alljährlich, mit dem Herannahen des Frühlings- und Paffah- festes, kommen auch aus allen Theilen der Welt mit einer gewissen Regelmäßigkeit die entsetzlichen Blutbeschuldiguri gen. welche der Antisemitismus um diese Zeit gefliffentlich, aber auch sehr ungeschickt inscenirt und verbreitet. In Reichenau i. Böhmen, in Skaisgirren i. Ostpreußen und in Bromberg i. Posen tauchte die Nachricht zugleich auf. In dem czechischen Städtchen wird sie durch sämmtliche Aerzte sofort widerlegt, in dem ostpreußischen Städtchen macht der Anits- vorsteher durch eine bündige Erklärung dem Gerücht ein Ende und in Bromberg liefert die städtische Polizei das Dementi. In allen drei Orten wird die Geschichte unglaublich plump erfunden, aber wer mag daran zweifeln, daß in den weniger gebildeten Klaffen der Bevölkerung trotz aller Erklärungen und Dementis doch immer etwas hängen bleibt? Die Geschichte der Blutbeschuldigung in Bromberg ist aber zu charakteristisch, um nicht für künftige Zeiten aufbewahrt zu werdest. Es

