12
„Und wenn wir uns dann Wiedersehen werden, ach wie selig, wie glücklich wird dann dieses Wiedersehen sein", fügte Elise hinzu; „es wiegt doch diesen Abschied hundertfältig auf und wird uns in reichlichemMaße für die Bitterkeit desselben entschädigen!"
Lange saßen die beiden Mädchen in traulichem Gespräch zusammen, bis die immer höher steigende Sonne sie zum Aufbruch mahnte. Hand in Hand gingen sie den Hügel hinunter; jetzt mußten sie sich trennen. „Lebe wohl!" flüsterte Elise noch einmal der schönen Rosa zu und drückte einen Kuß auf ihre weiße Stirn — dann war sie verschwunden.
Rosa stand einen Augenblick zögernd vor dem kleinen Hause, in dem sie ihre glücklichsten Jahre verlebt hatte — es war ja das letzte Mal, daß sie es betreten sollte. Dann öffnete sie schnell die Thür, eilte die Treppe hinauf und trat in ihr kleines Zimmer. Wie behaglich, wie heimisch es in demselben war; wie wehte durch dasselbe der Geist des Friedens, des Glückes, der Geist stiller Jungfräulichkeit! Die Blumen dufteten Rosa entgegen und das Canarienvögelchen am Fenster begrüßte sie mit seinem lieblichen Gesänge. Aber Rosa tändelte heute nicht mit ihm wie sonst, sondern trat an das Fenster und eine Thräne fiel auf ihren Rosenstock,

