SechszeljnLes Kapitel.
In der stillen Nacht.
Es war in stiller Nachtstunde; in dem Schlosse Golchowsky war es schon still geworden, denn die Dienerschaft hatte ihr eben nicht sehr mühevolles Tagewerk beendet, und das einzige Geschäft derselben bestand noch, lässig auf Stühle und Bänke hingestreckt, schlafend, rauchend, schwatzend zu warten, ob die Herrschaft vielleicht noch einen Auftrag crtheilen würde.
Der Graf hatte sich in sein Cabinet zurückgezogen, wo er in seinen Papieren wühlte, wie er allabendlich zu thun pflegte, wenn er keine Gesellschaft hatte.
Die Gräfin Isidora befand sich in ihrem Boudoir, wo sie die Stunden ganz nach ihrem Geschmack zuzubringen pflegte, in der Regel einsam oder mit irgend einer Besucherin. Sie war es längst gewohnt, daß der Graf sich nicht viel um sie kümmerte und sich von ihr zurückgezogen hielt, wogegen sie zuletzt auch nicht so viel einzuwenden hatte, denn sie meinte, sie finde schon angenehmere Gesellschaft als die seine, und vernachlässige er sie, so könne sie sich dafür schadlos halten.
Gräfin Isidora war ein noch junges und üppiges Weib, eine Kokette ersten Grades, gefallsüchtig und nach Huldigungen dürstend- Sie verlangte in Gesellschaften stets den ersten Preis der Schönheit, demnach auch von Allen Huldigungen, und zeigte sich eifersüchtig gegen junge Damen, denen sie, sie mochten so schön sein wie sie wollten, höchstens das Prädicat „leidlich hübsch" zugesiand und denen sic die Huldigungen junger Männer nicht gönnte, sie beanspruchte dergleichen nun eben als ersten Tribut für sich selbst.
Die Gräfin war auch gewohnt, sich stets sehr üppig zu kleiden, um ihre Reize in möglichst günstiges Licht zu stellen, und besonders

