Erstes Kapitel.

Novize und Priorin.

Es war im Jahre 1841.

lieber dem vielgethürmten Krakau, der alten Königstadt des einst so mächtigen Polenreiches, hatte sich das nächtige Dunkel gelagert. Auch über dem Karmeliterinnenkloster in der Vorstadt Wessola war die Stille eingebrochcn, sowohl äußerlich als innerlich; die Nonnen befanden sich in den Zellen, dort zu schlafen oder zu beten oder ihren Gedanken nachzuhängen, geistlich und weltlich, wie es eben kam.

In der geräumigen Zelle der Priorin war noch Licht; die Lampe auf dem Tische beleuchtete die weißen Wände, deren einziger Schmuck aus einem vergoldeten Cruzifix und einigen Heiligenbildern bestand, unter denen sich die Madonna und der heilige Elias besonders her­vorhoben; hatten doch Beide besonderen Bezug auf das Kloster, denn die Jungfrau Maria ist ja die Schutzpatronin der KlösterUnserer lieben Frauen vom Berge Karmel", und der Prophet Elias der Heilige ist der Sage nach der eigentliche Gründer des Karme­literordens.

Das Innere der Zelle war mit etwas mehr Bequemlichkeit aus­gestattet, als bei den anderen Nonnen, ein Bett, ein Sopha, ein Paar Tischchen und Sessel bildeten das ganze Mobiliar. Der eine Tisch diente als Schreibtisch; es lagen Papiere und auch Bücher darauf, doch war es eine andere Frage, ob diese Bücher auch in Gebrauch genommen wurden oder von der Bewohnerin in Gebrauch genommen werden konnten, denn wie die Titel verriethcn, waren sie in lateinischer Sprache geschrieben.

Domina Therese, die Priorin, saß in ihrer Ordenstracht in ihrem Lehnsessel und ihr schleierloses, faltiges Gesicht mit den kleinen, stechen­den Augen sah eben so streng als unzufrieden aus.