10

Kollegen hielten mich für einen ausgemachten Narren^, und die vielen jungen Damen meiner Bekanntschaft betrachteten mich als einen ganz besonders artigen jungen Mann mit einem klassischen oder romantischen Gesichtsschnitte Ausdrücke, welche sie je nach der Art ihrer Lieblingslektüre wählten.

Dies ist Alles wohl recht langweilig, aber ich berühre es ab­sichtlich, um dem Leser die lethargische Eintönigkeit, mit welcher der Strom meines Lebens damals hinffoß, recht deutlich vor Augen zu führen; er mag daraus den Gegensatz ziehen und schaudern, wenn er später den brausenden, gewaltigen Wasserfall bemerkt einen Strom, der in seinem Weiterrauschen Alles, was ihm entgegen­tritt , zerstört, bis er ln den unermeßlichen Abgrund stürzt, den Alles, nur nicht der Nebel des Todes verhüllt.

Während meiner Kommislaufbahn trafen die elterlichen Briefe regelmäßig ein eine Korrespondenz, welche um diese Zeit durch die meiner Schwester Honoria, welche ich noch nie gesehen hatte, eine Erweiterung erhielt. Die Briefe der Letzteren waren augenscheinlich unter der Aufsicht ihrer Lehrer geschrieben sehr förmlich in ihrem Style und verwünscht schlecht englisch. DaS vorherrschendste Gefühl, dessen ich mir aus jener Zeit bewußt bin, war die Neu­gierde, wie wohl jene Dame aussehen möge, da ich sie nicht mit meinen Eltern in Berbindung bringen konnte, weil ich deren Aus­sehen fast ganz vergessen hatte. Jndeß störte dies den gleichförmigen Tenor meines Lebens nicht, und die ParoriSmen hielten höchstens zwei oder drei Tage nach dem Empfange jener unverständlichen kleinen Sendschreiben an.

So verbrachte ich mein achtzehntes, neunzehntes und zwanzig­stes Lebensjahr, ohne Gefährde diese glückliche Periode zurücklegend, obschon sie oft voll von Versuchungen ist, die nicht selten verhäng- nißvoll werden und in's Verderben führen. Wenn mich meine finstere Stimmung übermannt, so schaue ich oft ans diesen Zustand der Unschuld mit Geringschätzung zurück und kann es selbst jetzt